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Urban Gardening

Ob die Tomate vom Balkon oder die Zucchini aus dem Gemeinschaftsgarten nebenan – ‚Urban Gardening‘ ist ein grüner Trend mit viel Potenzial.

Beim Urban Gardening geht es darum, brachliegende Flächen in der Stadt nach ökologischen Aspekten gemeinsam zu bewirtschaften. Die grünen Oasen, die dadurch entstehen, bieten nicht nur eine Nutzfläche für den Anbau von Obst und Gemüse, sie fördern auch die Biodiversität.

Der CampusGarten der Universität Würzburg hat diese Idee in die Tat umgesetzt.
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Der CampusGarten basiert auf dem Konzept der Permakultur. Begründet von den australischen Wissenschaftlern Bill Mollison und David Holmgren Anfang der Achtzigerjahre, verbindet die Permakultur Erkenntnisse aus den Agrarwissenschaften, der Ökologie, der Systemtheorie, dem Gartenbau und der Kreislaufwirtschaft. Das Ziel sind selbstregulierende ökologische Systeme, die eine ertragreiche Nahrungsmittelproduktion gewährleisten. Die natürliche Umwelt soll dabei so wenig wie möglich belastet werden.

Der fränkische Naturschutzaktivist und Geograph Markus Gastl hat ein ‚3-Zonen-Modell‘ entwickelt, mit dem sich das Konzept der Permakultur auf Hausgärten übertragen lässt: In der Ertragszone werden Nahrungsmittel angebaut, während die sogenannte Hot-Spot-Zone mit Sandflächen, Steinhaufen und Teichen die Artenvielfalt fördert. Die Pufferzone umgibt den Garten schließlich mit Hecken und Bäumen und schützt ihn so vor schädlichen Außeneinflüssen. Insektenhotels oder Steinpyramiden bieten zusätzlichen Lebensraum für Insekten.

Auch der Würzburger CampusGarten am Hubland Nord ist nach diesem Modell aufgebaut. Mitbegründer Lukas Lackner berichtet, wie ein ehemaliges Kasernengelände zum blühenden Stadtgarten wurde:
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Zwei Anbauflächen bilden den aktiven Gärtnerbereich des CampusGartens. Umrahmt werden sie von der Pufferzone mit ihren zahlreichen Hecken und Bäumen. Überschüssige Biomasse, die beispielsweise durch den Rasen- und Heckenschnitt entsteht, kann auf dem Kompost zersetzt werden. Der Kompost wiederum liefert dann fruchtbare Erde für die Ertragszone. Zur Bewässerung der Beete stehen neben den angelegten Wasserstellen auch Sammelbehälter für Regenwasser zur Verfügung.
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Bereits 2014 riefen Studierende des Referats Ökologie an der Uni Würzburg den CampusGarten ins Leben. Seither hat sich das Projekt fortwährend weiterentwickelt. Im Jahr 2017 wurde der CampusGarten mit dem Nachhaltigkeitspreis der UN-Dekade für Biologische Vielfalt sowie mit dem Castell-Preis der Universität Würzburg für nachhaltiges Handeln ausgezeichnet. Weil sich immer mehr Studierende für den Campusgarten interessierten, wurde die Fläche des Gartens im selben Jahr um 600 Quadratmeter erweitert. Inzwischen ist der CampusGarten so groß wie sechs Tennisplätze: Er umfasst heute 1600 Quadratmeter.

Mittlerweile ist in Würzburg ein vielfältiges Angebot für Urban Gardening entstanden: So realisierte das Referat Ökologie zusammen mit dem Würzburger Urban-Gardening-Verein Stadtgärtner zur Landesgartenschau 2018 die 2.000 Quadratmeter große ‘Stadtgartenschau‘ im Herzen des Landesgartenschaugeländes. Direkt an den CampusGarten schließt außerdem der UniAcker an, der im Rahmen von Lehramts- und Pädagogikseminaren genutzt wird.

80 Beete werden im CampusGarten jedes Jahr an Interessierte vergeben. Aktuell beteiligen sich über 100 Studierende an der Aussaat, Pflege und Ernte des Gartens. Wir haben einige von ihnen gefragt, was das Gärtnern für sie ausmacht:
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Neben Wildbienen gibt es im CampusGarten auch Honigbienen. Der gewonnene Honig kann von allen genutzt werden. Die Betreuung der Honigbienen bedeutet für C. Verantwortung zu tragen und einen Ausgleich zum Alltag zu finden: "Bienen sind spannende Lebewesen, auch wenn sie manchmal zu gerne mit mir fangen spielen."

"Ich bin noch recht neu im Garten, habe aber durch die Ansprechpartner vom RefÖko beste Betreuung erhalten. In meinem Beet befindet sich ein Johannisbeerstrauch, der wohl erst nächstes Jahr richtig Früchte tragen wird. Die Tomaten, Bohnen und Auberginen wachsen hier besser als auf meinem Balkon, weil der Platz einfach größer ist. Ich habe mich über jeden Zentimeter Wachstum und über jede geerntete Frucht gefreut."

Steinstrukturen in sonniger Lage bieten einen optimalen Lebensraum für Eidechsen. Außerdem können Insekten und Schnecken in der sogenannten Echsenburg Unterschlupf finden. Auch Erd- und Wechselkröten finden in kleinen Nischen Platz.
Durch den Mix aus Steinen, Kies, Sand, lockerer Erde sowie Ästen und Wurzelstücken entstehen unterschiedlich warme Sonnenplätze für die Lebewesen.

"Ein Beet im CampusGarten zu bewirtschaften ist eine super Möglichkeit, ungezwungen erste Erfahrungen beim Gärtnern zu sammeln. Bisher hatte ich zweimal zwar wenig ertragreiche Ernten, aber große Fortschritte beim Umgang mit Werkzeugen und Pflanzen. Ich baue beispielsweise Chilis, Tomaten und Kartoffeln an. Die Physalis sind diesen Sommer leider nichts geworden."

"Ich habe ein Beet im CampusGarten, weil es für mich einen guten Ausgleich darstellt. Es motiviert, sich an der frischen Luft zu betätigen. Gleichzeitig hat man die Möglichkeit, einen kleinen Teil seines Essens ganz direkt selbst anzubauen und wachsen zu sehen. Mal habe ich es ausprobiert, Kohl wachsen zu lassen oder eine Mischkultur mit Kartoffeln und Ringelblumen. Knoblauch geht immer gut. Außerdem habe ich verschiedene Kräuter wie Schnittlauch und Basilikum und Blumen für die Bienen, zum Beispiel Malve, Löwenmäulchen oder Sauerklee."

"Ich habe durch das Gärtnern viel über die natürlichen Kreisläufe unserer Umwelt gelernt. Als passionierte Hobbyköchin freut es mich außerdem, fast das ganze Jahr von Gartenerträgen zu profitieren. Angepflanzt habe ich bisher verschiedene Kräuter, Erdbeeren, Palmkohl, Süßkartoffeln, Zwiebeln, Zucchinis, Spinat, Jostabeeren, Radieschen, Salate, Lauch, Kornblumen und vieles mehr... Ich achte darauf, möglichst regionale und alte Sorten zu verwenden."

Der Garten bietet neben dem angrenzenden Haus mit Terrasse auch selbstgebaute Möbel aus Paletten. Auf diesen kann man eine kleine Brotzeit zu sich nehmen oder aber auch einfach die Atmosphäre auf sich wirken lassen.

Der untere Bereich des Gartens wurde durch ein unterirdisch verlegtes Rohr mit einem Wasserzapfhahn versehen, um das Gießen zu erleichtern.

Manche Gärtner*innen bewirtschaften ein Beet mit ihrer Familie. Die Kleinen zeigen auch großes Interesse an der Gartenarbeit und helfen mit, wo sie können. Sie dürfen sich aber auch einfach im Sandkasten austoben, während die Eltern in Ruhe das Beet pflegen.

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Der Garten ist naturnah nach dem Prinzip der ‚ökologischen Intensivierung‘ gestaltet. Das heißt, der Garten ist so angelegt, dass er natürliche Prozesse wie Räuber-Beute-Systeme oder die Bestäubung optimiert. So kann sich der Garten als ökologisches System selbst regulieren und es kann auf zusätzliche Maßnahmen zur Schädlingskontrolle verzichtet werden. Teiche, Steinhaufen und eine naturnahe Bepflanzung mit Gräsern und Flechten schaffen einen natürlichen Lebensraum für Nützlinge und Insekten – und fördern so die Biodiversität.

Neben Insektenhotels und Totholzansammlungen, die ebenfalls als geschützter Lebensraum für zahlreiche Lebewesen dienen, wurden im CampusGarten auch Blühwiesen etabliert. Vor allem für die bedrohten Wildbienenarten sind diese von großer Bedeutung.
Wildbienen tragen als Bestäuberinsekten einen großen Teil zum Erhalt von Ökosystemen bei. Sie gehen mit den Pflanzen eine Symbiose ein: Die Bienen ernähren sich vom Nektar der Pflanzen, während die Pflanzen von der Verbreitung ihrer Pollen durch die Biene profitieren. Im CampusGarten führt dieses Zusammenspiel wiederum zu gesteigerten Erträgen.
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Die Initiatoren des CampusGartens legen Wert darauf, dass die Gartenfläche naturgerecht gepflegt und bewirtschaftet wird. Um das zu gewährleisten, erhalten die Gärtner theoretischen Input nicht nur bei den direkten Ansprechpartnern, sondern auch über die eigens für den CampusGarten angelegte „Gartenfibel“. Sie vermittelt vielseitiges Wissen: Wie sieht ein gesunder Boden aus? Was muss man über das Anlegen von Biotopen und Beeten wissen? Welche Pflanzenarten sind hier heimisch und wie pflegt man sie richtig? Auch über Kompostierung, Düngung und die ökologische Intensivierung klärt die Gartenfibel auf und gibt mit einem Arbeits- und Saisonkalender Aufschluss über die korrekte Anpflanzung, Aussaat und Ernte verschiedener Pflanzen.

Nicht nur um nachhaltiges Gärtnern, auch um Nachhaltigkeit im Sinne eines Wissenstransfers geht es also beim Projekt CampusGarten, wie Lukas Lackner erklärt. In Zukunft soll es verstärkt auch Workshops geben, die bei Interessierten die Begeisterung fürs Gärtnern wecken sollen:
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Naturkosmetik

Im Laufe des letzten Jahrzehnts ist der Biomarkt förmlich explodiert. So wird Bio immer mehr zum neuen Lifestyle. Sichtbar wird das auch beim Marktanteil von Naturkosmetik in Deutschland.

Laut dem Marktforschungsinstitut IRI ist der Anteil von Naturkosmetik auf dem deutschen Markt seit 2012 um 50 Prozent gestiegen. Gleichzeitig ist der Anteil konventioneller Kosmetik geschrumpft. Eine wichtige Entwicklung, denn die Inhaltsstoffe herkömmlicher Kosmetika werden für die Umwelt immer mehr zur Gefahr.
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Bei einem Spaziergang am Strand glauben die meisten, nur Sand unter den Füßen zu haben. Dass sich jede Menge Mikroplastik darin befindet, wissen allerdings nur die wenigsten. Schuld daran ist unter anderem unser Kosmetikkonsum: Viele Produkte wie Peelings oder Duschgel enthalten kleinste Plastikteilchen, die über den Abfluss in die Umwelt gelangen. Die Mikropartikel sind oft kleiner als ein Mikrometer, das entspricht weniger als einem Millionstel Meter. Dadurch können Sie auch in Kläranlagen nicht aus dem Abwasser herausgefiltert werden. 
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Eine Studie des Fraunhofer-Instituts UMSICHT bestätigte 2018 die gravierenden Ausmaße: Jährlich gelangen in Deutschland durch Kosmetik ganze 922 Tonnen Mikroplastik ins Abwasser.
Auch die Medien schildern immer häufiger die Folgen von Mikroplastik in den Ozeanen. Dabei sind besonders Meereslebewesen von der unsichtbaren Gefahr durch Mikroplastik bedroht. Wie die Umweltschutzorganisation WWF berichtet, verwechseln Fische die kleinen Plastikteilchen mit Nahrung und fressen diese. Am Ende landen die Schadstoffe deshalb auch auf unserem eigenen Teller.
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Wie in allen Bereichen gibt es auch in der Kosmetikbranche Menschen, die umdenken. Die Hersteller von Naturkosmetik haben sich ein Ziel gesetzt: Sie wollen schädliche Inhaltsstoffe in Kosmetik vermeiden und somit die Umwelt schützen.
Dafür verzichten sie auf den Einsatz erdölbasierter Produkte sowie auf synthetische Farb- oder Duftstoffe. Stattdessen setzen sie natürliche Wirkstoffe wie zum Beispiel natürliche Öle, Zucker, Bienenwachse, Wurzeln sowie Pflanzen und Kräuter ein.
Für die pflanzlichen Rohstoffe gilt außerdem: Biolandbau ohne Pestizide und giftige Schadstoffe. Außerdem verzichten die Produzenten auf Monokulturen und fördern dadurch die Artenvielfalt.
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Dass die Umwelt von Naturkosmetik profitiert, ist kein Geheimnis. Aber gilt das auch für den Menschen? Einige konventionelle Kosmetikartikel enthalten bedenkliche Stoffe: So gelten zum Beispiel Aluminiumsalze als potenziell gesundheitsschädlich, wenn zu viel davon in den Körper gelangt. Aluminiumsalze finden sich zum Beispiel in Deos oder Lippenstiften. Auch die erdölbasierten Paraffine in Hautpflegeprodukten oder Make-Up sorgen zwar für ein angenehmes Hautgefühl, trocknen die Haut jedoch langfristig aus und können sogar Entzündungen hervorrufen.

Jutta Blankenhagen-Wagner ist Inhaberin eines Naturkosmetikstudios in Würzburg. Auch sie rät Verbrauchern dazu, auf Kosmetikprodukte mit natürlichen Wirkstoffen umzusteigen:
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Bereits vor langer Zeit galten pflanzliche Substanzen wie Kräuter als wichtige Heilmittel. Durch natürliche Inhaltsstoffe in Kosmetika wird die Haut langfristig geschont – davon profitiert der Mensch. Trotzdem existieren immer noch Vorurteile gegenüber Naturkosmetik. Viele Konsumenten stellen in Frage, dass Naturprodukte genauso effektiv sind wie konventionelle Kosmetika.

Janika Zahn, Mitarbeiterin beim Naturkosmetikhersteller Benecos meint dazu: „Natürlich gibt es viele Produkte, die noch nicht dem gleichen Standard entsprechen.“ Das gelte besonders für die Wirkungsdauer von Deos oder die Haltbarkeit von Nagellacken. Aber nicht alle Naturkosmetikartikel seien deswegen gleich schlechter, so Zahn. Es gebe auch Produkte, die besser performen als die konventionelle Alternative.
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Auch der Preis von Naturkosmetik spielt für viele Verbraucher eine entscheidende Rolle, wie 2017 eine Statista-Umfrage zeigte: 37 Prozent der Befragten gaben an, für Naturkosmetik nicht mehr ausgeben zu wollen als für konventionelle Kosmetik. Immerhin knapp die Hälfte war bereit, für die natürliche Alternative bis zu 20 Prozent mehr zu bezahlen. Aber ist Naturkosmetik wirklich teurer als konventionelle Produkte?

2010 waren die Preise für Naturkosmetik tatsächlich höher als für Konkurrenzprodukte, erklärt Zahn. Heute sehe es jedoch anders aus: Den Herstellern gelänge es, beim Preis mit dem konventionellen Markt mitzuhalten.
Auch das Verbrauchermagazin Ökotest zeigte bereits 2015, dass Naturkosmetikprodukte inzwischen in allen Preissegmenten zu finden sind. Außerdem hat sich der Zugang zur Naturkosmetik verbessert: Konsumenten können die Artikel heute sowohl in Fachgeschäften und Apotheken als auch in Drogeriemärkten kaufen.
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Beim Kauf von Naturkosmetik ist allerdings auch Vorsicht geboten: Häufigen werben konventionelle Kosmetikhersteller mit pflanzlichen Inhaltsstoffen oder suggerieren mit ihren Verpackungen ein nachhaltiges Produkt. Vertrauen kann der Kunde darauf aber nicht – in einer vermeintlich natürlichen Aloevera-Creme können beispielsweise nur Spuren des natürlichen Wirkstoffs enthalten sein. Das bestätigt auch die Verbraucherzentrale.

Eine 2018 durchgeführte Umfrage der Online-Plattform Utopia bestätigt, dass sich viele umweltbewusste Konsumenten deshalb auf spezielle Siegel verlassen: Über die Hälfte der rund 2.400 Befragten gaben an, beim Kauf von Naturkosmetik auf explizite Zertifizierungen zu achten. Nur jedem Fünften reicht die Bezeichnung „Naturkosmetik“ auf der Verpackung.

Allerdings sollten Käufer sich nicht täuschen lassen. Einige Firmen versuchen ihre Artikel zertifiziert wirken zu lassen und drucken dafür sogar eigene Labels ab. Deshalb ist es besonders wichtig, nur namenhaften Siegeln zu vertrauen. 
Die bekanntesten davon sind das BDIH-, das COSMOS- und das NATRUE-Siegel. Obwohl jedes Siegel eigene Standards hat, sind bestimmte Inhaltsstoffe bei fast allen verboten. Dazu gehören laut der Verbraucherzentrale Silikone, Erdöle, Paraffine, Plastikteilchen und Farbstoffe.



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Die repräsentative Utopia-Studie „Das gute Leben“ ergab, dass über 60 Prozent der bewussten Konsumenten mindestens einmal im Monat Naturkosmetik kaufen.
Und mit der wachsenden Nachfrage nach natürlicher Kosmetik steigt auch das Angebot auf dem Markt – das zeigen Zahlen des Marktforschungsinstituts RKI und lassen die Hersteller von Naturkosmetik in eine vielversprechende Zukunft blicken.
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Morgens ein Salamibrötchen, mittags eine schnelle Bratwurst auf die Hand und abends, nach einem langen Tag, ein Schnitzel. Die Deutschen konsumieren viel Fleisch. Zu viel. Pro Kopf wird mit rund 60 Kilogramm Fleisch pro Jahr gerechnet – ein Wert, der deutlich über dem empfohlenen Mindestverzehr liegt. Darunter leiden Gesundheit und Umwelt. Eigentlich ließe sich das ganz einfach ändern.

Man hört es immer und immer wieder: „Rettet unseren Planeten!“ Klimaschutz-Demonstrationen wie Fridays for Future sind bereits Alltag. Das Bewusstsein ist also da. Auf den ersten Blick klingt das doch gar nicht so schlecht, aber dennoch fragen sich viele Menschen: Wie soll ich, als einer von sieben Milliarden Menschen, die Welt retten? Bin ich, als Einzelperson, überhaupt von Bedeutung? Kann ich überhaupt einen Beitrag leisten, um unsere Umwelt zu verbessern? Die Antwort auf die Fragen lautet ganz klar: JA!
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Laut dem Ernährungsreport des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft, geht der Fleischkonsum bei den Deutschen stetig zurück. Im Jahr 2019 verzehrten 28 Prozent der Bevölkerung täglich Fleisch, 2018 waren es 30 Prozent, 2017 sogar noch ganze 34 Prozent. Liegt das an einem sensibleren Bewusstsein für eine fleischarme Ernährung?
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Prof. Dr. Iris Lewandowski bejaht. Sie ist Agrar- und Ernährungswissenschaftlerin an der Universität Hohenheim. Die Forscherin beschäftigt sich seit Jahren mit der Bioökonomie und den Rohstoffen, die für eine nachhaltige Wirtschaft relevant sind.

Die Bioökonomie befasst sich unter anderem mit einer zukunftsorientierten Ernährung. Eine der großen Herausforderungen der Zukunft besteht darin, immer mehr Menschen zu ernähren und dabei gleichzeitig regenerative Ressourcen für eine dauerhafte Energieversorgung sowie Rohstoffe für vielfältige industrielle Prozesse bereitzustellen. Das erfordert Wertschöpfungsnetze, die eine nachhaltige Nutzung der regenerativen Ressourcen, insbesondere von Biomasse, ermöglichen. Auch die Massentierhaltung in der Fleischindustrie spielt hier eine Rolle: Rund 70 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen in der EU werden derzeit für den Anbau von Tierfutter genutzt.

„Unser Anspruch ist es, so viel wie möglich zu tun, um die Produktion im Agrarsektor nachhaltiger zu gestalten, und um eine nachhaltige und bioökonomische Zukunft zu sichern“, erklärt Lewandowski. Aber allein die Forschung reiche nicht, um eine Innovation umsetzen zu können. Man brauche die Mithilfe der Konsumenten, die auch gewillt sind, neue Produkte anzunehmen. Sonst könne sich die beste Innovation am Markt nicht halten.

Bildnachweis: Universität Hohenheim / Angelika Emmerling
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Über die Fleisch-Thematik sind die meisten Verbraucher bereits bestens informiert, an Aufklärung mangelt es keineswegs, beschreibt Prof. Lewandowski. „Die Leute wissen, dass die Massenproduktion an Fleisch alles andere als optimal ist. Dass das billige Grillsteak nicht nachhaltig produziert wird, liegt auf der Hand. Aber dieses Wissen scheint für den Verbraucher viel zu unnahbar. Jedenfalls ist es leider offenbar nicht überzeugend genug“, so die Wissenschaftlerin. Der Konsument greife weiterhin zum billigen Steak. „Der Preis spricht schließlich gegen das ‚teure‘ Bio-Fleisch. Für den Verbraucher an der Theke gilt: Fleisch ist gleich Fleisch, da das bloße Auge keinen Unterschied erkennt“, schlussfolgert die Expertin. Leider bewirkt gerade die billige Produktion von Fleisch eine enorme Verschwendung der Lebensmittel.

Basierend auf Daten aus dem Jahr 2018 landen umgerechnet allein 10,5 Millionen Tiere jährlich im Hausmüll. Erschreckende Zahlen, wenn man bedenkt, dass wir in einer Zeit leben, in der in industriellen Ländern theoretisch keine Lebewesen mehr für die menschliche Ernährung vorsätzlich leiden oder sterben müssten. Gesellschaftlich sind wir aber noch lange nicht so weit.
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Bewirkt das Argument der Nachhaltigkeit kein Umdenken, so könne man versuchen, die Menschen mit moralischen Aspekten zu einem bewussteren Lebensstil zu bewegen. Beim Fleisch ließe sich das Wohl der Tiere in den Mittelpunkt der moralischen Debatte stellen und zum Beispiel fragen, ob es moralisch vertretbar sei, Tiere zu „produzieren“, sagt die Professorin. „Schließlich handelt es sich bei einem Lebewesen, welches gequält werden kann und Leid empfinden kann, um eine andere Dimension als bei einer Pflanze“, so Lewandowski. Und mal ganz ehrlich: Welcher Mensch würde dem süßen Lämmchen vom Bauernhof kein glückliches Leben wünschen? Wer würde freiwillig den qualvollen Tod des kleinen Kälbchens in Kauf nehmen, nur um ein Stück Fleisch auf dem Teller liegen zu haben? Wenn man so fragt, sicherlich kaum jemand.


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Allerdings zeigen die Zahlen zum Fleischkonsum, dass in der Wirklichkeit bislang Werte wie Tierwohl und Moral den Konsumenten nicht ausreichend überzeugen. Die Argumente reichen den Verbrauchern nicht, um sich für das teurere, nachhaltigere Fleischprodukt zu entscheiden – geschweige denn ganz auf Fleisch- und Tierprodukte zu verzichten. Nun sei es ja auch so, dass sich diesen teuren „Luxus“ nicht jeder leisten kann. Ist das unfair?

„Auf keinen Fall“, behauptet Lewandowski. Dieses Argument sei für die Wissenschaftlerin nur eine Ausrede. Denn wenn man wirklich einen Wert auf qualitative Produkte legen würde, so würde sich sicherlich eine Lösung finden. „Statt vier Mal wöchentlich billiges Fleisch zu kaufen, könnte man auch einmal teures Fleisch kaufen, welches man dann guten Gewissens genießen könnte“, so Lewandowski.
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Während die Wissenschaftlerin eine Vertreterin für verantwortungsbewussten Fleischkonsum darstellt, nimmt Prof. Dr. Markus Keller eine ganz andere Haltung ein. Er ist Ernährungswissenschaftler am Institut IFANE (Institut für Alternative und Nachhaltige Ernährung). Keller selbst ernährt sich bereits seit jungen Jahren überwiegend vegan. Der Experte ist überzeugt: „Man muss weder vegetarisch noch vegan leben, um den optimalen Nutzen für sich selbst und unsere Umwelt zu gewinnen. Dennoch sollte man eine gesunde Mischkost, mit einem möglichst geringen Anteil an tierischen Produkten zu sich nehmen.“

Keller beschreibt ein ethisches Dilemma. Ist eine fleischfreie Ernährung überhaupt so gut, wie man denkt? Schließlich hat auch der biologische Kreislauf der Natur seinen Sinn. Wenn kein Lebewesen mehr sterben würde, so würde das schließlich zu einer Überpopulation führen – Tier und Mensch hätten weder genügend Nahrungsmöglichkeiten noch ausreichend Raum zum Leben. Es ist also ohnehin unmöglich zu leben, ohne dabei anderen Lebewesen zu schaden. Geht es um einen ‘Schaden‘, so denken die meisten Menschen sofort an das Schlachten von Tieren. Somit werden allein die Fleischkonsumenten verantwortlich gemacht und von Fleisch-Gegnern sogar als Mörder dargestellt. 
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Denkt man etwas weiter, dann kommt man jedoch zu dem Entschluss, dass jedes Leben ein gewisses Leid verursacht. Denn auch niedere Tiere wie Insekten, Pflanzen und der Boden, Flüsse und das Klima sind schützenswert und werden durch den Anbau von Nahrungsmitteln vertrieben oder vernichtet. Jede Art von Ernährung schafft Leid, denn um zu Essen, müssen wir anderen immer etwas wegnehmen. Entweder schaden wir Tieren, Land oder anderen Menschen. Jedoch sollte man sich die Frage stellen, wie man die eigene Ernährung optimieren kann, um dabei den besagten Schaden zu reduzieren. „Ich muss keine Tiere essen oder nutzen, um mich gut ernähren zu können. Ich habe die Möglichkeit, dieses Leid zu vermeiden“, erklärt Keller.
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Aus eigener Forschung am Institut IFANE konnte Keller beweisen, dass eine vegane oder vegetarische Ernährung keine gesundheitlichen Risiken mit sich bringt. Ebenfalls nicht bei Kindern und damit widerlegt der Wissenschaftler zugleich einen der bekanntesten Mythen über eine fleischfreie Ernährung. Auch die Angst vor einem Nährstoff-Mangel ist laut Keller völlig unbegründet. Gerade das berüchtigte Vitamin B12, welches überwiegend in Fleischprodukten enthalten ist, soll in pflanzenbasierten Produkten nicht ausreichend vorkommen. Doch zahlreiche Alternativen helfen, die Vitamin B12-Zufuhr zu sichern, erläutert Keller. „Es gibt unzählige Nahrungs-ergänzungsmittel in Form von Tabletten, Tropfen oder speziell angereicherten Lebensmitteln. Es gibt sogar eine Vitamin B12-Zahncreme.“

Trotzdem: Die Vorurteile gegenüber Veganismus und Vegetarismus bleiben. Kann ich jetzt nur noch Salat und Rohkost essen? So ist es natürlich nicht. „Man sollte den Menschen die Angst nehmen, ihnen das Positive zeigen und es ihnen so leicht wie möglich machen“, meint der Professor. So könnte man die Menschen beispielsweise mit Kochrezepten inspirieren, Alternativen vorstellen und so dem Vorurteil, eine vegane Ernährung sei eintönig und langweilig, entgegenwirken. Denn eine vegane und vegetarische Ernährung kann ganz gewiss vielseitig sein! Zu den beliebten Fleisch-Klassikern wie Burger, Grillwurst und Co gibt es bereits fleischfreie Alternativen. Insbesondere Hülsenfrüchte wie Linsen, Kichererbsen und Bohnen sind ein echter Hit. Hinzukommt: Hülsenfrüchte sind nicht nur vegan und enthalten nährstoffreiche Vitamine, sie sind auch noch preisgünstig. Das Argument, eine vegane oder vegetarische Ernährung sei kostspielig, wird hier also auch entkräftet.
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Einen ähnlichen Vorschlag bringt auch Prof. Dr. Lewandowski für diejenigen, die nicht ganz auf Fleisch verzichten möchten. „Es muss mehr Transparenz geschaffen werden“, so die Wissenschaftlerin. Transparenz in Form von Labels und Orientierungshilfen, die für den Konsumenten kennzeichnen, woher das Fleisch kommt und wie es produziert worden ist. Denn dadurch soll die Produktion verantwortungsvoller gestaltet werden.

Doch nicht nur bei der Fleischproduktion, auch in vielen anderen Wirtschaftsbereichen fehlt es an Transparenz, wenn es um die Nachhaltigkeit geht. Das muss sich ändern. 
„Bioökonomie muss verständlich gemacht werden“, erklärt Lewandowski. Auch sollte man schon viel früher über bioökonomische Aspekte aufklären und Kindern durch Bildung früh genug ein Bewusstsein aneignen.
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Eine Innovation auf dem Lebensmittelmarkt sind aus Insekten hergestellte Lebensmittel. Diese stellen eine Alternative zu herangezüchteten Tieren dar und enthalten zudem wichtige Nährstoffe, wie hochwertige Eiweiße, ungesättigte Fettsäuren und Mineralien.
Auch sogenanntes Laborfleisch wird immer besser erforscht. Hierbei wird Fleisch künstlich in einem Labor hergestellt, ohne dass dabei ein Tier sterben muss. Dieser Fleischersatz ist klimafreundlicher und zudem frei von Medikamenten und Zuchtmitteln. Interessant ist hierbei, dass laut dem Ernährungsreport sogar ein knappes Drittel der Bevölkerung grundsätzlich offen für alternative Fleischarten ist, um einen Beitrag zur Ernährungssicherheit zu leisten.
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Dennoch liegt zwischen Wille und Tat oft eine beträchtliche Kluft. Zudem beurteilt Lewandowski die Problematik rund um die Fleischproduktion als ein politisches Problem. Landwirte sollen davon abgehalten werden, Fleisch so billig zu produzieren und zu verkaufen. Aber was bleibt ihnen anderes übrig, wenn die Marktgegebenheiten eine nachhaltige Produktion nicht hergeben?

„Da müsste man politisch gesehen viel mehr tun. Es müssen strikte Grenzen gesetzt werden, auch wenn das hart und unpopulär ist. Man muss eine derartige Produktion entweder radikal verbieten, oder die Regeln so aufstellen, dass der Landwirt auch mit einer nachhaltigen Produktion überleben kann“, erklärt die Agrarwissenschaftlerin der Uni Hohenheim. Gleichzeitig müsse es ihrer Einschätzung nach einen Preis für den Service ethisch besser hergestellter Lebensmittel geben, der höher ist, als das billig produzierte Fleisch. 

Letztendlich muss jeder für sich entscheiden, welche Art von Ernährung für ihn optimal ist. Und auch, wie er mit einem bewussteren Handeln einen Beitrag für unsere Umwelt leisten kann. Es kommt nicht darauf an, streng vegetarisch oder vegan zu leben. Viel bedeutsamer ist es, mit kleinen Schritten und Veränderungen zu einem bewussteren Lebensstil beizutragen. Denn so ist es tatsächlich möglich, ohne Reue und guten Gewissens zu genießen.
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Mails verschicken, Unterlagen in Clouds aufbewahren, Urlaubsfotos speichern, gemeinsam von weit entfernten Orten aus an einem Vortragsdokument arbeiten – mit nur einem Klick und supereinfach erschließt uns das Internet Welten, denen wir uns bedenkenlos hingeben können. Ein Irrtum. Denn es hat auch Folgen für die Umwelt.

Hinter der digitalen Bequemlichkeit der Clouds verbergen sich Unmengen an Zahlen, Codes, Servern und Rechenzentren. Cloud Computing bezeichnet onlinebasierte Speicherplätze und Rechenleistungen. Diese Technik ermöglicht uns, Daten auszulagern und bei Bedarf auf sie zurückzugreifen – via Smartphone, Tablet oder Computer. Das schont die eigene Festplatte, erspart Schränke voller Aktenordner.

Aber: Wo das Material wirklich landet, auf welchem Server es ist, bleibt für viele Nutzer im Nebel – oder eben, der Begriff Cloud beschreibt es: in den Wolken. Rechenzentren sind quasi der Wolkenmaschinenpark – Orte voller Computer, Speicher, Kühl- und Brandschutzgeräte. Dort treffen über Mobilfunkantennen unsere Internet-Anfragen ein, 24 Stunden, 365 Tage lang, unermüdlich werden sie hier verarbeitet.


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Gerade in Zeiten, in denen die Welt enger zusammenrückt und der transkontinentale Austausch immer wichtiger wird, erlebt das Cloud Computing seinen Höhepunkt. Ein wichtiger Faktor, der häufig ausgeblendet wird: Auch unser Leben im Internet braucht Energie. Energie, die weit über das Aufladen unserer Endgeräte hinausgeht. Jede Datei, jede Suchanfrage wird verwaltet, gespeichert und von Server zu Server geleitet. Dabei werden Unmengen an Energie verbraucht. Wäre das Internet ein Land, hätte es den sechstgrößten Stromverbrauch weltweit – und läge damit noch vor Deutschland, meint die Umweltorganisation Greenpeace.
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Nach wie vor generieren fossile Brennstoffe jedoch einen großen Teil des deutschen Stroms. Braun- und Steinkohle, sowie Kernenergie und Gasverbrennung erzeugten in 2019 rund 54 Prozent des deutschen Nettostroms – trotz des „Erneuerbaren Energien Gesetzes“ (EEG) des Bundes, welches die Stromförderung aus regenerativen Quellen unterstützt. Lediglich der Corona-Pandemie und der damit einhergehenden vorübergehenden Schließung von vielen Industrien ist es zu verdanken, dass in 2020 bisher erstmals über die Hälfte des generierten Stroms aus erneuerbaren Quellen stammt.
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Ein höherer Internetkonsum verbraucht also mehr Rechenleistung in den Rechenzentren und diese benötigen wiederum mehr Strom. Strom, der zu Lasten unserer Umwelt erzeugt wird. Im Zuge der Digitalisierung werden daher auch immer mehr Stimmen laut, die eine nachhaltige Gestaltung der digitalen Zukunft fordern. Zwei Bestreben, die eng miteinander verknüpft sein sollten, findet Dr. Ralph Hintemann vom Borderstep Institut für Innovation und Nachhaltigkeit. „Wenn wir in einer Rezession die Wirtschaft ankurbeln wollen, dann sollten wir so fördern, dass wir gleichzeitig die Ziele Wirtschaftswachstum und Nachhaltigkeit verfolgen.“

Nachhaltige Digitalisierung – geht das? Für die Vereinten Nationen (UN) definitiv, denn sie haben bereits 2015 im Zuge der Agenda 2030 einen Katalog mit 17 Zielen für eine nachhaltige Entwicklung verabschiedet. Dieser betrachtet unter sozialen, ökonomischen und ökologischen Gesichtspunkten die fünf Kernbotschaften Mensch, Planet, Wohlstand, Frieden und Partnerschaft. Unter anderem sollen Maßnahmen zum Klimaschutz und zu bezahlbarer und sauberer Energie ergriffen werden. Auch Industrie, Innovation und Infrastruktur sind ein Teil des Nachhaltigkeitsplans der UN.

Wie nun aber diese auf politischer Ebene geschlossenen Vereinbarungen praktisch umgesetzt werden können, ist noch nicht ganz klar. Trotzdem gibt es deutschlandweit bereits einige Pilotprojekte, die sich mit einer nachhaltigeren Digitalisierung, insbesondere mit nachhaltigen Rechenzentren auseinandersetzen.
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Ein Beispiel dafür ist das in Dortmund ansässige Unternehmen GreenIT - Das Systemhaus mit seiner eigenen „GreenIT Cloud“. Gemeinsam mit WestfalenWind aus Paderborn möchte man ein Rechenzentrum schaffen, das klimaneutral betrieben wird, also ein „wirklich grünes Rechenzentrum“, so Geschäftsführer Jan Schriewer. Dafür werden die Rechenzentren von GreenIT direkt in Windkraftanlagen integriert. Diese versorgen die hochkomplexen Server mit der benötigten Energie, ohne den Weg über das Stromnetz zurücklegen zu müssen. Im Vergleich zu anderen Rechenzentren vermeidet man so Transportwege und Mietkosten für externe Gebäude, meint Schriewer. Die benötigte Energie werde schließlich direkt am Verbraucher produziert und abgenommen.

So spart zum einen das Unternehmen selbst, aber auch als Kunde zahlt man für die Kilowattstunde weniger als bei anderen Anbietern. Das ist auch gut so, meint Schriewer: „Wenn das ökologisch betriebene Rechenzentrum bzw. die dort betriebenen Services merklich teurer wären als beim klassischen Betreiber, dann wäre es in der heutigen Zeit schwierig, neue Kunden zu gewinnen.“ Denn es lässt sich auch erkennen, dass nachhaltige Lösungen nicht nur aus Überzeugung zum Umweltschutz gewählt werden. „Die Nutzung von grüner IT ist für Unternehmen ein wichtiges Positionierungsmerkmal. So zeigen sie ihren eigenen Kunden, dass sie nicht nur umweltbewusst denken, sondern auch handeln.“
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Dennoch sind Lösungen wie die GreenIT Cloud eine Ausnahme. Ein Grund dafür: fehlende Infrastruktur. Computer, Stromleitungen und Kühlprozessoren sind unabdinglich. Das ist der Punkt, an dem die Politik ansetzen sollte, so Schriewer. Sie müsse bei der Beschaffung helfen und die Infrastruktur ausbauen. Außerdem müsse man die Menschen für ein Umdenken sensibilisieren und Anreize schaffen, ökologisch zu handeln.

„Eine stabile und zuverlässige Infrastruktur ist auch ein Nachhaltigkeitsthema“, stimmt Hintemann zu, „und Rechenzentren müssen ein Teil davon sein.“ Laut ihm gehöre der Ausbau von Wärmenetzen zur Abwärmenutzung auch auf die politische Agenda. Denn der Anschluss von Rechenzentren an diese Netze ist in Deutschland sehr schwer. Während es hier viele Hochtemperatur-Wärmenetze mit Temperaturen von bis zu 100 Grad gibt, erreicht die Abwärme aus Rechenzentren lediglich Temperaturen von 30 bis 35 Grad.

Der Energieaufwand, um diese Abwärme zu erhitzen, sodass man sie in die vorhandenen Netze einspeisen kann, sei zu aufwendig und zu teuer, gibt Hintemann zu bedenken. „Es wäre billiger, Gas zu verbrennen, um die nötige Wärme zu erhalten, als mit einer Wärmepumpe zu arbeiten.“ Ein möglicher Lösungsansatz sei hierbei die Umstellung auf Flüssigkühlung. So könnten Wassertemperaturen von bis zu 60 Grad bereitgestellt werden, welche deutlich leichter für Heizzwecke zu nutzen seien, so Hintemann. Aber auch dafür seien die deutschen Netze noch nicht ausreichend ausgebaut.
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Die großen Elektronikhersteller und die Werbebranche reizen uns ständig mit schnelleren, besseren und teureren vernetzten Endgeräten. Aber unter unserem Bedürfnis, immer das neuste Gerät besitzen zu wollen, leidet die Lebensdauer unserer Endgeräte. Immer öfter landen Smartphones, Laptops und Co im Elektromüll. Dabei vernetzen immer mehr Menschen beinahe ihren gesamten Haushalt. Hintemann warnt dabei: „Der Zusatzaufwand durch die Vernetzung darf nicht zu groß werden.“ Besser sei es, schlankere Endgeräte zu nutzen und mehr Rechenleistung in Rechenzentren zu verlagern. Dadurch verlängere sich die Lebenszeit der Geräte.
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Aber wer soll diese gewaltigen Datenmassen verarbeiten? Die IT-Branche hat eine Lösung: die Künstliche Intelligenz (KI). Sie soll unter anderem dabei helfen, Prozesse zu optimieren, neue Klimamodelle zu erstellen oder den Ressourcenverbrauch effizienter zu gestalten. Mehr Daten bedeuten außerdem mehr Anwendungsbereiche für die KI. Langfristig kann man so große Fortschritte in Richtung einer nachhaltigen, grünen Informationstechnik machen. Das Problem ist der Weg dahin. Die KI ist eine der größten Treiber des Energieverbrauchs in Rechenzentren. Laut einer Studie der University of Massachusetts Amherst emittiert das Trainieren und Programmieren einer einzelnen KI in etwa so viel CO2 wie fünf Autos.

„Mit der KI verhält es sich, wie mit der Digitalisierung insgesamt“, fasst Hintemann zusammen. „Wir müssen es schaffen, die KI so einzusetzen, dass sie zu mehr Nachhaltigkeit führt und nicht zu mehr Ressourcenbedarf.“ Eine Möglichkeit dafür ist spezielle, energieschonendere Hardware – besondere Grafikkarten zum Beispiel. Außerdem könnte man beim Betreiben von KIs auf spezielle flüssiggekühlte Server setzen. Solche setzen bereits großen Unternehmen wie Google ein. Insgesamt stellt die Künstliche Intelligenz einen großen Treiber für die Digitalisierung dar. Es gibt immer mehr Rechenzentren speziell für KIs. Abzuwägen ist, ob der enorm hohe Energiebedarf mit dem eventuell positivem Nutzen für Gesellschaft und Umwelt zu rechtfertigen ist.
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Bis zu acht Prozent des weltweiten Stromverbrauchs könnte der Energiebedarf von Rechenzentren in zehn Jahren ausmachen. Das wäre drei- bis viermal so viel wie heute. Ein „Worst-Case-Fall“, meint Hintemann. Dennoch ist der Anstieg des Energiebedarfs für unser Internet enorm. Und in einem digitalen Zeitalter und einer Welt, die sich immer weiter vernetzen will, bleibt die Frage nach dem wie.

Wie kann der gewaltige Riese Internet von uns gefüttert werden und gleichzeitig fortschrittlich und nachhaltig sein? Kann man all das allein mit erneuerbaren Energiequellen generieren? „Es ist eine Herausforderung“, konstatiert Hintemann. Man hoffe auf einen starken Ausbau der Nutzung erneuerbarer Energien. „Alle sind sich einig, dass man die Digitalisierung nicht aufhalten kann“, meint Hintemann, „aber letztendlich muss die Digitalisierungspolitik eine Nachhaltigkeitspolitik sein.“
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Die Textilbranche steht an einem Scheidepunkt. Immer weiter, immer günstiger produzieren? Oder mit innovativen Geschäftsmodellen einen anderen Weg wählen, der Mensch und Umwelt auf lange Sicht besser tut als unbefriedigende Wegwerfmode? Ein Blick in die Zukunft unserer Kleiderschränke.

Ein kurzes Gedankenspiel: Angenommen Studentin Bea guckt morgens in ihren Kleiderschrank und weiß vor lauter Teilen gar nicht, was sie am liebsten tragen würde. Vielleicht das Schnäppchen von vor zwei Wochen? Oder das Oberteil, das sie erst einmal getragen hat? Wobei, das hat schon jetzt sichtbare Gebrauchsspuren.

Unser Gedankenspiel ist gar nicht weit hergeholt. Denn jeder Deutsche kauft, nach Angaben der Greenpeace-Studie „Wegwerfware Kleidung“, durchschnittlich fünf neue Kleidungsstücke pro Monat, trägt aber 40 Prozent der Kleidung, die bei ihm im Schrank hängen, selten oder nie. Die Bekleidungsindustrie plant, ihre Produktion bis 2030 mehr als zu verdoppeln. Das heißt, dass die gesamte Bevölkerung dann jährlich 102 Millionen Tonnen Kleidungsstücke verbrauchen wird. 


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Der Textilüberschuss hat weitaus mehr negative Auswirkungen als einen überfüllten Kleiderschrank. Wasserverschmutzung, Farbstoffe, Pestizide und Treibhausgase sind hier die Stichworte. Laut einer Studie von PAN UK entstehen circa 20 Prozent des industriellen Abwassers durch die Vielzahl an Chemikalien, die für die Textilveredelungen genutzt werden. Dazu zählen auch Schwermetalle, wie beispielweise Arsen. Hinzu kommen die unverantwortlichen Arbeitsbedingungen in Fabrikgebäuden, die derart günstige Endpreise, wie wir sie von Fast Fashion Konzernen kennen, überhaupt erst möglich machen.

Zurück zum Gedankenspiel: Bea beschließt, dass es so nicht weitergehen kann. Sie kann ihr Konsumverhalten und die daraus resultierenden Konsequenzen nicht mit sich vereinbaren. Doch welche Möglichkeiten gibt es, wenn wir weiterhin Mode konsumieren, gleichzeitig aber möglichst nachhaltig leben möchten?
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„Nachhaltigkeit und Konsum passt nur dann zusammen, wenn wir deutlich weniger von dem konsumieren, was wir wirklich brauchen“, erklärt Modeblogger und Experte für Grüne Mode Alf-Tobias Zahn. Es braucht neue Geschäftsmodelle, die Schadensbegrenzung betreiben und zu einem grundsätzlichen Wandel beitragen. Dahingehend hat sich in den letzten Jahren ein Trend ergeben: Das Teilen. Genauso wie man Autos teilen kann, kann man auch Kleidung teilen, beweist Lena Schröder mit ihrem Laden Kleiderei in Köln. Für 29 Euro im Monat kann man Mitglied werden und Kleidung aus dem Laden ausleihen. Damit ist der ‚price per use‘ (Kosten pro Tragezeit) meist sogar niedriger als bei Billig-Schnäppchen.



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Die sogenannte Sharing Economy beschreibt, laut Gabler Wirtschaftslexikon, „das systematische Ausleihen von Gegenständen insbesondere durch Privatpersonen und Interessengruppen. Im Mittelpunkt steht die Collaborative Consumption, der Gemeinschaftskonsum.“ Der Verbraucher macht etwas nicht zum Eigentum, sondern „benutzt, bewohnt und bewirtschaftet es vorübergehend.“

Richtig umgesetzt, hilft Sharing Economy, bestehende Kapazitäten besser zu nutzen, senkt den Ressourcenverbrauch und sorgt – aufs Beispiel der Kleidung übertragen – zu einer gesellschaftlichen Verbindung zwischen den Teilenden. Die Kleiderei ist laut Schröder nicht nur ein Laden, „sondern auch ein Ort, an dem sich ausgetauscht wird und man ganz viel lernt.“ Zum Beispiel, sein Bewusstsein vom Kleiderkonsum zu verändern.

Quelle Bild: Mona Schulzek für Kleiderei
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„Man kommt weg vom Besitzen, obwohl man mehr Kleidung nutzen kann und fängt an, Kleidung anders wertzuschätzen und wahrzunehmen“, meint Schröder. Zum Angebot der Kleiderei gehören größtenteils Teile aus zweiter Hand, aber auch Stücke von Labels, die nachhaltig produzieren. Das Konzept sorgt für Nachhaltigkeit, indem es Kleidung langlebig macht – kaputte Kleidung wird von der Kleiderei repariert und nicht weggeworfen. Außerdem tragen ein Kleidungsstück der Kleiderei bis zu 20 Leute – viel mehr als bei üblicher Secondhandware.
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Die Sharing Economy stellt unser gewohntes Eigentumsdenken in Frage. Nehmen wir an, Bea probiere das Sharing-Prinzip aus, ist aber noch nicht bereit, komplett aus dem geteilten Kleiderschrank zu leben. Auch hierfür gibt es eine Lösung: von Anfang an nachhaltig kaufen.

Deutlich nachhaltiger als der Konsum herkömmlicher Textilien ist der von ‘grüner Mode‘. Darunter fällt zum Beispiel nachhaltig produzierte Mode aus ressourcenschonenden Materialien oder auch Mode, die unter Aspekten der Kreislaufwirtschaft produziert wurde. Das bedeutet dass alles, was für das Produkt verwendet wird, am Ende wiederverwendet wird oder andernfalls komplett biologisch abbaubar ist. Abfall wird minimiert und der Lebenszyklus der Produkte verlängert.

Damit ist die Kreislaufwirtschaft das Gegenteil des linearen Wirtschaftsmodells, der ‚Wegwerfwirtschaft‘. Start-Ups wie circular.fashion oder die baden-württembergische Marke Trigema arbeiten bereits an Umsetzungsmöglichkeiten. Dazu brachte Trigema die „Change-Kollektion“ auf den Markt. Eine der ersten voll kompostierbaren Kollektionen aus Biobaumwolle, die auch mit dem Textil-Ökosiegel Cradle to Cradle zertifiziert ist.

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„Natürlich ist die Vorstellung einer ganzheitlichen, echten Kreislaufwirtschaft trotz verschiedener Ansätze noch eine visionäre und utopische Vorstellung“, stellt Alf Zahn fest. Eine derartige wirtschaftliche Umstellung koste unglaublich viel Geld und brauche ganz andere Infrastrukturen. „Was machen wir mit den 100 Milliarden T-Shirts, die produziert werden, wenn plötzlich alle großen Fashion-Konzerne, die auf Verkauf ausgelegt sind, sagen, dass sie das gerne zum Recyclen wieder zurückführen wollen? Dann funktioniert das aktuelle Warensystem nicht mehr. Und jede Veränderung an diesem System bedeutet im Endeffekt Kosten für das Unternehmen.“
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Wer beim Einkauf auf nachhaltige Textilien achten will, kann sich an Siegeln orientieren. Ein wichtiges für die Kreislaufwirtschaft ist das Cradle to Cradle-Siegel. Es prüft die Verwendung von Materialien ohne schädliche Einflüsse auf Mensch und Umwelt, den sorgfältigen Umgang mit Wasser und Energie und die Rohstoffwiederverwendung. Solche Zertifikate zu erhalten, ist für Textilhersteller mit viel Aufwand und Kosten verbunden. Lena Schröder sagt, dass sie bei kleinen Designern und Unternehmen deswegen nicht zwingend auf die offiziellen Siegel achtet: „Ich mache mir lieber selbst ein Bild von den Labels. Es geht um die Geschichte dahinter, um ein Gefühl.“
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Sowohl die Sharing Economy als auch die Kreislaufwirtschaft werden als zukunftsträchtige Alternativen für unsere Wirtschaft gesehen. Im Jahr 2018 verabschiedete das Europäische Parlament  deshalb das Kreislaufwirtschaftspaket mit gesetzlichen Vorgaben, die den Weg für eine kreislauforientierte Wirtschaft ebnen sollen. „Man weiß – so wie jetzt produziert wird, fahren wir auf kurz oder lang das System an die Wand. Die Frage ist nur: Welches System? Ist es das Umweltsystem, also die Erde, auf der wir leben, oder ist es unser aktuelles Wirtschaftssystem?“, gibt Alf-Tobias Zahn zu bedenken. Beide Ansätze sollen dazu beitragen, deutlich weniger zu produzieren – und wenn, dann nachhaltig.
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Sharing Economy ist dennoch keine Spielart der echten Kreislaufwirtschaft, denn auch in der Sharing Economy gibt es Abfälle; die Nachhaltigkeit im Sharing wird nicht durch Produktionsweisen erzielt. Kritiker der Sharing Economy befürchten, dass bestehende Branchen durch die neue Art zu konsumieren bedroht werden. Außerdem bestehe die Gefahr des ‚Rebound-Effekts‘. Er beschreibt die Befürchtung, dass Kostensenkungen und Effizienzgewinne zu mehr ressourcenintensivem Konsum führen. Wer durch Sharing weniger Geld für Kleidung ausgibt, könnte das gesparte Geld vielleicht für ein Auto verwenden, das er sonst nicht gekauft hätte.
Dennoch sei die Sharing Economy, "wenn man die Kreislaufwirtschaft ernst nimmt", ein großer Teil davon, so Zahn. Seiner Meinung nach können das Teilprinzip Sharing Economy und die steigende Produktion nach Aspekten der Kreislaufwirtschaft zur Reduzierung von Abfall co-existieren.
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Klar sei jedoch: Angebote wie die Kleiderei gebe es nicht so häufig in Deutschland. „Das sagt schon enorm viel darüber aus, wie bereit der Markt ist, so etwas anzunehmen.“ In der Frage des nachhaltigen (Mode-)Konsums mangele es nicht an Ideen, sondern an Startkapital und finanziellen Möglichkeiten.
„Meist wird in Dinge investiert, die sicher sind. Und sicher sind nun mal die bestehenden Strukturen, nicht zwangsläufig die Neuen“, meint Zahn. Der Verbraucher sei oft nicht bereit, in das Bessere zu investieren. Es sei schwierig, auch unteren Einkommensschichten klar zu machen, dass sie eigentlich weniger kaufen und dann pro Produkt auch noch mehr zahlen sollen.
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Wohnung sind knapp und kaum noch bezahlbar. Das veranlasst immer mehr Menschen, sich über alternative Wohnkonzepte Gedanken zu machen. Eines davon sind Tiny Houses. Das sind kleine Häuser auf Rädern, die man sogar umziehen kann. Aber auch weitere alternative Wohnmodelle, wie z.B. Ökodörfer rücken ins Blickfeld. 

Ida Johansson hat sich für ein Leben im Tiny House entschieden. Sie lebt in einer Bilderbuchwelt: Durchs Küchenfenster blickt sie auf Wiesen und Felder. Ihr Kater Theo streicht ihr um die Beine, während sie sich Kaffee aufsetzt. Die Sonne scheint ihr ins Gesicht. Ida lächelt. Inspiriert vom Minimalismus beschloss sie, auf ein Feld in Norwegen zu ziehen. Doch nicht nur in Norwegen wächst dieser Trend. In Deutschland gibt es die Häuser mit einem Grundriss von durchschnittlich 20 Quadratmetern seit 2016. Einer der ersten und größten deutschen Hersteller ist die Schreinerei Diekmann aus Hamm.  
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Auch nach anderen alternativen Wohnmodellen, wie zum Beispiel Ökodörfern, steigt die Nachfrage. Der Trend als solcher ist nicht neu. Eines der ersten deutschen Ökodörfer ist das Sieben Linden in Sachsen-Anhalt. In dem 1997 gegründeten Dorf leben heute rund 150 Menschen. Sie versorgen sich bis zu 70 Prozent selbst mit Strom, bauen Obst und Gemüse selbst an, nutzen Car-Sharing, um Verkehr und Umwelt weniger zu belasten, und anstatt in die nächste, 30 Kilometer entfernte Stadt zu fahren und dort die Freizeit zu verbringen, werden im Dorf gemeinsame Aktivitäten unternommen.

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Das Ziel der Dorfgemeinschaft ist global: soziale und globale Gerechtigkeit zu erreichen. Dies bedeutet, nur so viele Ressourcen zu verwenden, dass genug für andere Menschen auf der Welt zur Verfügung stehen, erklärt Christoph Strünke: „Das ist meiner Meinung nach auch das, was unter dem Begriff Nachhaltigkeit gemeint sein sollte.“ 

Er lebt seit 18 Jahren im Dorf. Dort habe man das „Ziel, den Energie- und Ressourcenverbrauch so weit zu reduzieren, wie es möglich ist, dass es trotzdem ein gutes Leben ist, aber nicht ein Überfluss“. Strünke will das Gesamte im Blick haben: „Alles was wir tun hat auch Einfluss auf die Menschen, mit denen wir nicht direkt zusammenwohnen. Ich versuche in dem, was ich tue, förderlich zu sein, zum Beispiel Lebensbedingungen zu fördern, die gut sind.“
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Die meisten Tiny Houses bestehen zu einem großen Teil aus Holz. Dadurch sind sie langlebig, besitzen wenig Schadstoffe und können außerdem problemlos wieder entsorgt werden. Und auch bei den Bewohnern der Sieben Linden spielt Holz eine wichtige Rolle. Das Holz kommt teilweise aus dem eigenen Wald und wird zusammen mit Lehm und Stroh zum Erbauen der Häuser genutzt. Diese Rohstoffe können wieder recycelt werden und kommen aus der direkten Umgebung. Die sogenannten Strohballenhäuser sind die Ersten ihrer Art in Deutschland. Durch das Stroh, welches mit Lehm bedeckt wird, sind die Wände dicker als beim konventionellen Hausbau.

Die Kosten für Strohballenhäuser liegen bei 1.300 bis 1.600 Euro pro gebauten Quadratmeter; ein Tiny House mit rund 20 Quadratmetern Fläche kostet durchschnittlich 60.000 Euro, also 3.000 Euro pro Quadratmeter Nutzfläche. Dazu kommen zusätzlich noch die Kosten für den Stellplatz des Hauses. Zwar werden die Häuser oft als günstige Alternative zu den steigenden Mietpreisen dargestellt, aber letztlich rechnet sich das erst, wenn man alle Faktoren einrechnet: gewünschte Wohnfläche, Standort, ökologische Bilanz.
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Ein spezielles Problem bei den Tiny Houses ist: wohin mit dem Haus? Es fehlen Stellflächen. Steht das Haus nicht auf einem Campingplatz oder einem Anhänger, benötigt man ein Baugrundstück inklusive Bauantrag. Aufgrund der verschiedenen Verordnungen muss das Haus dann anders gebaut werden. So muss bei einem Bauantrag die Energiesparverordnung berücksichtig werden. Diese Verordnungen variieren von Bundesland zu Bundesland. Das macht die Herstellung schwieriger, insbesondere für bundesweit arbeitende Produzenten.

„Es ist noch ein sehr junges Thema. In der Phase sind wir noch, den Nachweis zu erbringen, dass es ein dauerhaftes Thema ist und nicht irgendwie ein Hype oder Trend, der in drei Jahren wieder vorbei ist. Wenn das in der Politik ankommt, dann wird sich in Zukunft sicherlich auch was an der Baugesetzordnung tun“, meint Vera Lindenbauer, Sprecherin der Schreinerei Diekmann.
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Grundsätzlich gilt jedoch: je kleiner die Wohnfläche, desto geringer die Kohlendioxid-Emmisionen. Laut Bundesumweltamt betrug 2019 der durchschnittliche Kohlendioxid-Wert von Heizung und Stromversorgung in Deutschland für eine Person circa 2,5 Tonnen. Insbesondere Einfamilienhäuser haben oft viel überflüssigen Wohnraum, wie beispielsweise einen großen Dachboden, welcher aber trotzdem beheizt werden muss. Im Gegensatz dazu wird in einem Tiny House jeder Quadratmeter effizient genutzt. So ist in der Treppe oft ein Schrank integriert oder man kann die letzte Treppenstufe als Hocker verwenden. Dies spart nicht nur den Ressourcenverbrauch. Da der vorhandene Stauraum deutlich reduziert ist, verkaufen die meisten Bewohner beim Umzug in ein Tiny House meist mehr als die Hälfte ihres Besitzes.

Durch die begrenzte Wohnfläche verringert sich gezwungenermaßen auch das Konsumverhalten: „Das ist wahrscheinlich auf lange Sicht der größte Beitrag zur Nachhaltigkeit“, so Lindenbauer. Allerdings ist auch hier die Gesamtsicht wichtig: Um mobil zu sein, darf ein Tiny House nach der Straßenverkehrsordnung maximal 3,5 Tonnen wiegen. Deswegen werden die Wände gerne dünn und ohne genügend Dämmstoffe gebaut, was wiederum zu höheren Heizkosten führt.
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Der Großteil der Tiny-House-Bewohner betrachtet den Umzug in ein solches Wohnfeld als eine Lebenseinstellung, einen Ausdruck des Minimalismus. Aber man muss tatsächlich bereit sein, sich auf lange Sicht zu beschränken. Vera Lindenbauer hat schon öfter die Erfahrung gemacht, dass anfängliches Interesse der Kunden nicht mit dem Minimalismus vereinbar war. „Ansonsten kann ich alles, was ich normal auch habe, in einem anderen Maßstab auch in einem Tiny House umsetzten. Das müssen aber intelligente Lösungen sein.“ Möchte der Kunde eine große Küche, muss das Bad kleiner werden oder der Schlafbereich enger.

Vielfach werden die Tiny-Häuser in Deutschland gar nicht als Hauptwohnsitz genutzt. Ein Großteil der Kunden der Schreinerei Diekmann sind momentan aus dem gewerblichen Bereich, sie sehen das Tiny-House-Movement als Profit- und Präsentationsmöglichkeit. Unternehmen nutzen das Haus als Showroom auf Messen, Campingplatz-Betreiber bieten die Mini-Häuser zur Vermietung an. Die meisten Häuser werden als Feriendomizil genutzt.Unterm Strich wird damit das Kernziel der Nachhaltigkiet auf den Kopf gestellt: So werden eher zusätzliche Ressourcen verbraucht.

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Sind solche alternativen Wohnkonzepte also eher ein kurzer Trend oder eine langfristige Alternative zu konventionellen Wohnarten? Vera Lindenbauer hat dazu eine klare Meinung: „Wir sind felsenfest davon überzeugt, dass es nicht nur ein Trend ist. Erstmal wäre das schon ein sehr langer Trend, denn das Interesse und die Nachfrage reißt einfach nicht ab. Und auch in anderen Ländern hat es sich verfestigt. Menschen wollen definitiv anders wohnen“.
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Solidarische Landwirtschaft (Solawi) ist in Deutschland im Kommen – auch in Würzburg. Für einen festen Monatsbeitrag bekommen Verbraucher einen Ernteanteil von regionalen Erzeugern. Vorteile gibt es für beide Seiten.
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Wenn die 27-jährige Henriette einkaufen geht, läuft sie sowohl am Lebensmitteldiscounter als auch am Biomarkt vorbei. Mit einem Zahlencode öffnet sie die Tür zum Laden der Verbraucher-Erzeuger-Gemeinschaft (VEG) Würzburg. Dort wartet jeden Montag eine Gemüse- und Obstkiste auf sie. Darin befindet sich ihr Ernteanteil, der ihr als Mitglied der Würzburger Initiative SoLaWü zusteht. Im Gegenzug bekommen die beiden regionalen Erzeuger, von denen die Kiste befüllt wurde, einen festen Monatsbetrag von ihr. Dahinter steht das Prinzip der Solidarischen Landwirtschaft: Mehrere private Haushalte finanzieren mit einem festen Beitrag die Landwirtschaft eines Erzeugers und erhalten dafür einen Ernteanteil.
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 „Ich habe mich noch nie so bewusst und gesund wie letztes Jahr ernährt“, sagt Henriette, die von Anfang an dabei war, als SoLaWü Anfang 2019 als Teil der VEG Würzburg gegründet wurde. „Das ist unverpacktes Gemüse und Obst der Saison, das aus maximal 20 Kilometer Entfernung herkommt und biologisch angebaut wurde. So ein Rundum-Sorglos-Paket kann kein Supermarkt bieten. Selbst in Bioläden wird ja oft nicht auf alles gleichzeitig geachtet.“ Was und wieviel sie in der Kiste findet, hängt immer davon ab, welche Ernte die Erzeuger auf ihren Feldern gerade einbringen.

Preislich ergibt sich für den Verbraucher trotz des Festbetrags ein Vorteil. Weil er die Produkte direkt vom Erzeuger erhält, entfallen Aufschläge von Lieferanten und Einzelhandel. 2019 lag die Marge, die der Naturkostfachhandel mitverdient, laut ContRate-Betriebsvergleich bei durchschnittlich 34,6 Prozent. Mit Solawi zahlt der Verbraucher deswegen über das Jahr hinweg weniger, als wenn er die gleiche Menge Gemüse und Obst bei einer Biomarkt-Kette einkaufen würde. Sowohl der Preis als auch der Ernteplan werden auf einer Versammlung am Anfang eines Jahres festgelegt. Die Erzeuger schlagen vor, was und wieviel sie anbauen wollen und nehmen Vorschläge und Wünsche der Verbraucher mit auf.
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In Würzburg sorgt der Biohof Oberaltertheim für das Gemüse, die Würzburger Main-Streuobst-Bienen Genossenschaft für das Obst. Dieses Jahr gibt es insgesamt 82 „SoLaWü-Päckle“, wobei eines für einen Zwei-Personen-Haushalt reicht und manche Mitglieder auch nur ein halbes Päckle nehmen. Die beiden Erzeuger teilen ihre Anbaufläche durch die Teilnehmerzahl und berechnen, welche Betriebs- und Lohnkosten sowie Investitionsausgaben für einen Anteil anfallen.  

Dieses Jahr landet in jedem Päckle die wöchentliche Ernte von 136 Quadratmetern Gemüsefeld sowie Obst und Saft von anderthalb Streuobstbäumen. Das können in einer Novemberwoche beispielsweise jeweils ein Kilo Kartoffeln und Möhren, ein Pfund Rote Beete, 120 Gramm Feldsalat, 700 Gramm Schwarzkohl, ein Endiviensalat, eine Stange Rosenkohl und 800 Gramm Äpfel sein. 
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Als Richtwert haben die Erzeuger einen monatlichen Gesamtbetrag von 80 Euro kalkuliert. Allerdings zahlt nicht jedes SoLaWü-Mitglied den gleichen Preis. In einer geheimen Bieterrunde schreibt jeder den Betrag auf, den er zahlen möchte. Wer kann, gibt mehr, wer nicht so viel hat, zahlt weniger. Wichtig ist nur, dass die nötige Summe gemeinsam zusammenkommt – auch das ist mit Solidarischer Landwirtschaft gemeint. Genauso wie die Mitmachtage, an denen freiwillige Helfer die Erzeuger auf dem Feld unterstützen und tatkräftig mit anpacken.

Quelle Bild: VEG
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Menschen wieder nah an die Lebensmittel auf ihrem Teller zu bringen, ist einer der Gründe, warum die Familie Kraus-Egbers-Mosmann als SoLaWü-Erzeuger teilnimmt, sagt David Egbers. Er betreibt seinen Bioland-zertifizierten Hof gemeinsam mit Eltern, Schwester und Schwager. „Es ist wichtig, dass die Leute wieder mitbekommen, wie das Gemüse überhaupt wächst und welche Arbeit dahintersteckt. Dadurch schätzen sie es mehr wert und werfen Lebensmittel auch nicht mehr einfach weg“, so Egbers. Außerdem kann er seinen Kunden beispielsweise erklären, dass der Salat vom Hagelschauer etwas verletzt wurde, aber ansonsten total in Ordnung ist: „Dann verstehen sie das. Im Supermarkt bliebe der Salat einfach liegen.“


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Solawi gibt einem Landwirt zudem Planungssicherheit. So läuft er nicht in Gefahr, auf seiner Ernte sitzen zu bleiben. Beim klassischen Vertriebsweg über den Handel ist das nicht immer gewährt, erzählt der unterfränkische Bezirkspräsident des Bayerischen Bauernverbands (BBV) Stefan Köhler: „Die Marktmacht liegt ganz klar bei den Händlern. Die sichern sich leider oft mit sehr einseitigen Verträgen ab und können die Lieferbedingungen zu ihren Gunsten rückwirkend ändern.“ Der Landwirt stehe da meist in der schwächeren Position.

Zusätzlich sind die Erzeuger von schwankenden Marktpreisen abhängig. Laut des Deutschen Bauernverbands haben Landwirte 2019 ein Fünftel weniger Geld verdient als im Jahr zuvor. Solawi beschert dem Erzeuger hingegen ein festes Monatseinkommen, mit dem er sich und seinen Angestellten einen fairen Lohn zahlen kann – auch wenn die Ernte durch Trockenheit oder Frost mal schlechter ausfällt.
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Ein Allheilmittel sieht Stefan Köhler vom BBV in Solawi aber nicht: „Dann macht eben jeder Bauer Solidarische Landwirtschaft und alle Probleme sind gelöst - so funktioniert das leider auch nicht.“ Solawi sei als Nische vor allem in Stadtnähe eine tolle Kommunikationsplattform, habe aber auch seine Grenzen. Noch wandert in Deutschland allerdings jeder zweite Euro für Obst und Gemüse nach Erhebungen des Marktforschungsunternehmens Nielsen an die Discounter. Mit momentan 268 Gemeinschaften steckt Solawi noch in den Kinderschuhen. Doch in Deutschland wie auch in anderen Staaten entscheiden sich immer mehr Landwirte für diese Art der Direktvermarktung.

Frankreich führt im europäischen Vergleich mit mehr als 2000 Gemeinschaften die Spitze an. In Japan, wo die Solawi-Idee in den 70er Jahren unter dem Namen „Teikei“ geboren wurde, versorgen sich mittlerweile elf Millionen Menschen nach dem Prinzip. Hierzulande jetzt schon an ein Limit zu denken, hält Martin Ladach, Vorstand der VEG Würzburg, für falsch: „Mich interessiert weniger, was irgendwann mal nicht mehr möglich sein wird. Davon sind wir noch weit entfernt. Wichtiger ist, dass wir über die vielen Probleme der aktuellen Bewirtschaftung nicht mehr nur reden, sondern aktiv werden. Und Solawi ist da eine Möglichkeit, die viele Leute begeistert.“
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Rapsasphalt

Durch Rapsöl im Straßenbau erhoffte sich ein Franke vor über 20 Jahren schon mehr Klimaschutz. Warum sein „RapsAsphalt“ trotz guter Eigenschaften ein Nischenprodukt blieb.

Das westliche Mittelfranken ist überwiegend ländlich geprägt. Kleine Landstraßen schlängeln sich durch das Taubertal, Äcker wechseln sich mit Wäldern ab. Die A7 und die B13 durchziehen den westlichen Landkreis Ansbach, die restlichen Straßen sind kleine Nebenstraßen. Viel Potenzial für mehr Klimaschutz, findet Klaus Geuder. In Neusitz bei Rothenburg hat seine Straßenbaufirma ihr Büro. Hier in der Umgebung hat Geuder schon mehrere Straßen gebaut und saniert. Viele davon auch mit sogenannten Raps- Bitumenemulsionen, von Geuder als „RapsAsphalt“ vermarktet.
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Vor 20 Jahren brachte der Mittelfranke die Idee, Asphalt mit Zugabe von Rapsöl herzustellen, aus Österreich nach Deutschland und gründete die „Arbeitsgemeinschaft RapsAsphalt“. Seitdem setzt er sich für mehr Nachhaltigkeit im Straßenbau ein. Bislang mit gemischtem Erfolg: „Die Gemeinden als Straßenbaulastträger schauen oft nur auf den Preis. Und wenn man dann mit seinem Produkt ein bisschen teurer ist, dann ist der Umweltgedanke oft dahin“, sagt Geuder.

Er zeigt eine kleine Gemeindeverbindungsstraße, die er mit seiner Firma im vergangenen Jahr mit Rapsasphalt saniert hat. Der Farbton ist etwas heller als das satte Schwarz, das man sonst von Asphalt kennt, ansonsten ist für den Laien kein Unterschied erkennbar. Die Oberflächenbehandlung, die Geuder hier durchführte, ist das bislang einzige Anwendungsgebiet für Asphalt mit Rapsöl-Anteil. „Bei einer Oberflächenbehandlung wird auf die beschädigte Straßendecke nochmal eine Asphaltschicht aufgebracht“, erklärt Geuder. „In diesem Fall aus RapsAsphalt.“
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Der Unterschied zum normalen Asphalt sei deutlich, sagt Dr. Bettina Fink vom Centralen Agrar-Rohstoff Marketing- und Energienetzwerk e.V., kurz C.A.R.M.E.N. Die in Straubing sitzende Koordinierungsstelle für Nachwachsende Rohstoffe wurde 1992 vom Freistaat Bayern gegründet. „Asphalt ist grundsätzlich erstmal eine Mischung aus Bitumen und Gestein. Bitumen ist ein Produkt, das bei der Erdöldestillation entsteht“, erklärt erklärt die Diplom-Chemikerin, die seit 20 Jahren mit Fink zusammenarbeitet. „RapsAsphalt ist der Markenname für eine Bitumenemulsion." Die bestehe zu 30 Prozent aus Wasser und zu 70 Prozent aus Bitumen, erklärt Fink. "Und von diesem Bitumenanteil werden beim Rapsasphalt bis zu fünf Prozent durch natives Rapsöl ersetzt.“

2004 gab Geuder bei der TU München eine Studie zu den baulichen Eigenschaften seines Raps- Asphalts in Auftrag. Das Ergebnis: Durch das Rapsöl wird der Asphalt schneller fest, kann also früher befahren werden und hält etwa 20 Prozent länger als herkömmliche Verfahren. Eine Oberflächenbehandlung halte normalerweise etwa acht Jahre, sagt Fink. Bei Raps-Bitumenemulsionen seien es zehn Jahre oder mehr. Die Chemikerin begleitete die Studie damals: „Das Rapsöl wirkt im Bitumen als Fluxmittel und verharzt durch den Einfluss von Sauerstoff und Licht.“ Dadurch verklebe das Bitumen besser mit dem Gestein, der Asphalt verfestige sich schneller, werde vier Mal so hart – "und ist alterungsbeständiger."
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Ein Anteil von drei bis fünf Prozent Rapsöl in der Bitumenemulsion klinge zwar wenig, habe aber eine große umwelttechnische Wirkung, sagt Geuder. Die Arbeitsgemeinschaft "RapsAsphalt" ließ vor sechs Jahren einen offiziellen "Carbon Footprint", einen CO2- Fußabdruck, bei der FutureCamp Climate GmbH anfertigen. Demnach spare eine Oberflächenbehandlung mit der Raps-Bitumenemulsion bei zwölf Jahren Nutzungsdauer pro Jahr mehr als 20 Prozent CO2 gegenüber einer konventionellen Oberflächenbehandlung ein.
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Das Anwendungsgebiet seines RapsAsphalts sei aber beschränkt, sagt Geuder. Denn er sei anfällig gegenüber hoher Verkehrsbelastung: „Oberflächenbehandlungen mit Raps- Bitumenemulsionen werden überwiegend auf niederrangigen Straßen als Erhaltungsmaßnahme angewendet" – vor allem also auf Staatsstraßen, Kreisstraßen, Gemeindestraßen oder Flurwegen. "Nicht geeignet ist RapsAsphalt auf Autobahnen, Bundesstraßen oder Straßen mit einer hohen Verkehrsbelastung“, sagt Geuder. Diese kleineren Straßen machten deutschlandweit aber den weit größeren Anteil aus, sagt der Inhaber der Straßenunterhalt-Firma. Derzeit verlaufen in Deutschland etwa 230.000 Kilometer qualifizierte Straßen wie Autobahnen und Bundesstraßen. Demgegenüber stehen mehr als 400.000 Kilometer niederrangige Straßen. Ein großes potenzielles Anwendungsfeld für Rapsasphalt.
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Auf staatlicher Seite zeigt man sich Raps-Bitumenemulsionen gegenüber allerdings skeptisch: Es brauche erkennbare Umweltvorteile gegenüber konventionellen Verfahren, erklärt das Umweltbundesamt auf Nachfrage. Eigene Studien habe man dazu aber nicht durchgeführt. Grundsätzlich sehe man den Anbau von Raps zu Zwecken abseits der Ernährung kritisch. Das Umweltbundesamt verweist auf eine Studie aus der Schweiz aus dem Jahr 2015. Demnach hätten sogenannte biogene Öle, wie Rapsöl, im Straßenbau keine signifikanten Umweltvorteile gegenüber herkömmlichen Bindemitteln.

Ein Blick in die betreffende Studie zeigt ein differenziertes Bild: Biogene Öle wie Rapsöl hätten demnach positive Auswirkungen auf Klima und Ressourcenverbrauch. Dafür gebe es Nachteile durch Überdüngung und Versauerung der Böden. In Summe seien die Umweltauswirkungen vergleichbar mit herkömmlichen Verfahren, teilweise sogar höher. Die Schweizer Studie sieht in biogenen grundsätzlich zwar Potenzial, aber auch noch viel Forschungsbedarf.
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Bettina Fink von C.A.R.M.E.N. sieht beim Flächenverbrauch aber kein Problem: „Im Jahr 2019 wurden 900.000 Hektar Raps in Deutschland angebaut. Würden wir jetzt auf allen Straßen, wo es möglich ist, Rapsasphalt verwenden, kämen wir auf etwa 10.000 Hektar Rapsfeld, die wir dafür benötigen würden, also etwa ein Prozent des Rapsanbaus in Deutschland.“ Für den Flächenverbrauch von Rapsasphalt gilt laut Fink die Daumenregel: ein Quadratmeter Rapsfeld entspricht etwa einem Quadratmeter Straße.

Klaus Geuder hofft, dass die aktuelle Klimadebatte sich auch im Straßenbau auswirkt: „Es gibt in diesem Bereich noch so viele Möglichkeiten für Nachhaltigkeit. Aber auf staatlicher Seite ist das Interesse leider oft nicht genügend vorhanden.“
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Elektromobilität

Jahrzehntelang war die deutsche Automobilbranche der Vorreiter auf dem Weltmarkt, hat mit Qualität überzeugt und gleichzeitig mit Innovationen überrascht. Bis das Elektroauto kam – und damit auch allerlei Kritik. Liegt in elektrischen Antrieben wirklich die Zukunft der Mobilität?
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Ladestation statt Tankstelle, reine Luft statt Emissionsschwaden. Die Elektromobilität mit Lithium-Ionen-Batterien (LIB) hat viele Pluspunkte – und holt ebenso viele Kritiker auf den Plan. Dabei ist ihre Idee nicht neu: „Wer heute nicht die E-Mobilität entwickelt und zur Marktreife führt, der wird in wenigen Jahren hintendran sein. Die Welt schläft nicht“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel schon auf dem Elektromobilitätsgipfel im Jahr 2010.

Doch von der angestrebten Million Elektrofahrzeuge auf den deutschen Straßen bis 2020 sind nach aktuellen Zahlen des Kraftfahrt-Bundesamts bisher nur 137.000 erreicht. Was bedeutet das für die Zukunft der Elektromobilität? Und ist die Elektromobilität mit der umstrittenen Lithium-Ionen-Batterie wirklich die Zukunft?
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Für Maximilian Fichtner besteht daran kein Zweifel: „Von der Performance her gibt es aktuell kein System, was das LIB-Modell schlagen kann“, sagt der stellvertretender Direktor am Helmholtz-Institut Ulm (HIU) und Sprecher des Batterieclusters POLiS.

In der „Modellstadt der Elektromobilität“ Bad Neustadt (Lkr. Rhön-Grabfeld) wird intensiv an Verbesserungs- und Weiterentwicklungsmöglichkeiten der Elektromobilität geforscht. Vor mittlerweile zehn Jahren initiierte das Team um Jörg Geier in der 15.000-Einwohner-Stadt die Forschung an Themen wie Ladetechnik, Batteriemanagement- oder Active-Balancing- Systemen. „Ob Tesla, Ford oder BMW: Alle haben in irgendeiner Form Technik aus Bad Neustadt in ihren Autos oder wurden durch Bad Neustädter Technik geprüft“, sagt Geier. In den vergangenen zehn Jahren seien in ortsansässigen Unternehmen 750 neue Arbeitsplätze im Bereich Elektromobilität entstanden.
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Der Erfolg der E-Mobilität ist aber von Kritik überschattet. Vor allem die Umweltfreundlichkeit der Lithium-Ionen-Batterien und die Ressourcen werden hinterfragt. Kaufanreize soll die Kaufprämie für Elektrofahrzeuge bieten, die während der Corona-Krise auf 6.000 Euro verdoppelt wurde – um aufzuholen. Denn lange Zeit schien es, als sei China in Sachen EMobilität unschlagbarer Vorreiter. 85 Prozent der Batterieherstellung finden in Asien statt, 45 Prozent der Automobilinvestitionen flossen 2019 nach China. Im Jahr 2018 waren in China 2,3 Millionen E-Autos auf den Straßen, in Europa der High Level Group der EU zufolge gerade mal 960.000.
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Überraschend ist jedoch: Laut einer Studie der Beratung Berylls Strategy Advisors stiegen die Verkaufszahlen von E-Autos in Deutschland zwischen 2018 und 2019 um 59 Prozent, in China schrumpften sie dagegen um vier Prozent. Ist also eine Trendwende in Sicht? Wenn, dann liegt es vor allem an den politischen Bemühungen, die Bürger für die Elektromobilität zu begeistern. Cluster-Sprecher Fichtner prognostiziert: „2030 werden wir auf deutschen Straßen überwiegend E-Autos sehen.“ Auch die internationale Energieagentur schätzt die Zahl der weltweit angemeldeten E-Autos bis 2025 auf 70 Millionen.
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Die Elektromobilität gilt als zentrale Schlüsseltechnologie für ein sauberes Verkehrssystems. „Die Autos sind lokal umweltfreundlich und CO2-neutral; sie produzieren keine antriebsbedingten Luftschadstoffe“, so Modellstadt-Organisator Geier. Trotz der CO2- intensiven Produktion der Batterien verfügen E-Autos Berechnungen der Forschungsstelle für Energiewirtschaft zufolge über eine bessere Umweltbilanz im Vergleich zu gängigen Benzinern – ab etwa 50.000 gefahrenen Kilometern.
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Die Herstellung der Batterien aber ist mit einem hohen Energiebedarf verbunden, die nötigen Rohstoffe werden teils unter fragwürdigen Bedingungen wie Kinderarbeit abgebaut, allen voran Kobalt. Laut Fichtner stecken in den Batterien aktuell nur noch zehn Prozent Kobalt im Durchschnitt, Tendenz sinkend: „In wenigen Jahren wird der Kobaltgehalt einer Kurbelwelle in Verbrennungsmotoren deutlich höher sein als in den Batterien für E-Autos.“

Eine These, die Geier bestätigt: „Elektronik enthält in Masse und Gewicht mehr Kobalt als alle E-Autos auf der Welt zusammen.“ Dennoch prognostiziert das Kölner Institut für Wirtschaft, dass die Kobalt-Nachfrage bis 2025 auf rund 225.000 Tonnen jährlich steigen könnte.
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Ein weiteres Problem: das Lithium, das überwiegend aus Salzseen in Südamerika gewonnen wird. Die Kritik, dass bei der Produktion Trinkwasser verschwendet würde, kann Chemiker und Batterie-Forscher Fichtner nicht versteht: Für einen 60 bis 65 Kilowattstunden-Akku würden zwischen 4.000 und 5.000 Liter Wasser gebraucht – genauso viel Wasser wie für die Herstellung von 250 Gramm Rindfleisch, einer halben Jeans oder zehn Avocados. Oder wie Geier weiß: „Gerade mal ein einstelliger Prozentbereich des Lithiumoutputs geht in die Elektroautobatterie“, sagt auch Geier. Denn Lithium werde auch zur Herstellung von Aluminium, Glas, Keramik und Akkus eingesetzt und ist in modernen Smartphone-, Kameraoder Laptopbatterien verbaut.

Doch die Ressource ist endlich. Recyceln sei in Deutschland noch zu kompliziert und nicht rentabel, so Fichtner. Im Unterschied zu Kobald lohnt es sich uch laut Karlsruher Institut für Technologie (KIT) derzeit weder ökonomisch noch ökologisch, Lithium aus den Batterien zu recyceln.
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„Eine richtige Alternative für so eine weltumspannende Technik haben wir nur, wenn wir das Rohstoffproblem umfassend lösen“, sagt Fichtner. Geforscht wird daher aktuell an Alternativen zur Lithium-Ionen-Batterie wie Festkörper-, Natrium-, oder Magnesiumbatterien. Oder auch Wasserstoff, der über Brennstoffzellen den Strom fürs E-Mobil liefert. „Die anderen Systeme robben sich immer weiter an das Lithium-System heran, aber es dauert noch“, so Forscher Fichtner. Noch gebe es bei der E-Mobilität keine wirkliche Alternative zur Lithium-Ionen- Batterie.
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Ob Fußboden, Fenster, Küchen- oder Badezimmerflächen: Sauberkeit ist wichtig und die Anforderungen an Reiniger sind hoch. Doch handelsübliche Reinigungsmittel bestehen aus chemischen Substanzen, die selten schonend für Umwelt und Nutzer sind. Die Alternative: Reiniger auf rein biologischer Basis.
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Oberflächen keimfrei, sauber und glänzend zu bekommen, grenzt an eine Kunst, welche mit verschiedensten Chemikalien perfektioniert wird. Oft haben sie aber negative Nebeneffekte und schädigen den putzenden Verbraucher. Eine Langzeitstudie von der Universität Bergen in Norwegen aus dem Jahr 2018 kam zu dem Ergebnis, dass Reinigungsmittel sogar ähnlich wie das Rauchen die Lungen schädigen. Auch die Folgen für die Umwelt sind erheblich.

Laut Umweltbundesamt verursachen deutsche Haushalte im großen Stil CO2-Emissionen. Im Jahr 2017 waren sie für knapp 45 Prozent der CO2-Emissionen in Deutschland verantwortlich. Ungefähr 480.000 Tonnen chemische Reinigungs- und Pflegemittel tragen ihren Teil dazu bei. Mit dem Reinigungswasser gelangen Substanzen in die Umwelt, die nur teilweise oder gar nicht in Kläranlagen abgebaut werden. Sie gelangen in die Natur, schädigen die natürlichen Bakterien und somit das gesamte Ökosystem.
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Können biologische Reinigungsmittel diese Probleme lösen? So einfach sei das leider nicht, erklärt Elke Messerschmidt vom Kompetenzzentrum Hauswirtschaft Triesdorf: „Das Problem ist, dass der Name „Biologische Reinigungsmittelnicht gesetzlich geschützt ist“. Eine Norm, die definiert, was biologisch ist, gibt es nicht. Ein biologischer Anteil von 40 Prozent reicht in Reinigungsmitteln schon aus, um den Titel „biologisch“ tragen zu dürfen.

„Allerdings gibt es umweltfreundliche Siegel für Reiniger, auf die man achten sollte. Es gibt beispielsweise Blauer Engel, Euroblume oder ECOCERT, so Messerschmidt. Solche Siegel stehen dafür, dass nicht nur die Verpackung, sondern vor allem der Inhalt biologisch ist. Sie lassen den Verbraucher erkennen, dass die in Reinigungsmitteln immer genutzten Tenside aus nachwachsenden Rohstoffen – wie Sonnenblumen, Raps oder Oliven – gewonnen werden und nicht mehr als fünf Prozent künstliche Konservierungsstoffe enthalten sind.
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Tenside sind die zentralen Substanzen zur Reinigung. Mit ihnen ist es möglich, die Oberflächenspannung des Wassers herabzusetzen. Nur so kann die zu säubernde Oberfläche wirksam benetzt werden, um festhaftenden Schmutz zu zerstören und zu entfernen. Die Herstellung von Tensiden aus heimischen Rohstoffen ist allerdings teurer als die Variante aus dem Chemiewerk. Die Herausforderung für Hersteller von biologischen Produkten liegt also darin, die Preise so zu gestalten, dass ihre Produkte mit der chemischen Konkurrenz mithalten können.
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Durch den Einsatz von regionalen Ölen – vor allem aus Sonnenblumen und Raps – und mit speziellen Bakterienkulturen lässt sich die Herstellung von Tensiden in Bioreaktoren verbessern. Das steigert auch die Wirtschaftlichkeit. So arbeitet im ProjektInnovationsallianz funktionsoptimierte Biotenside“ das Unternehmen Biofilon aus Schweinfurt an biotechnischen Methoden, um mehr Biotenside wirtschaftlich produzieren zu können. „Vor ein paar Jahren waren echte biologische Reinigungsmittel noch unbezahlbar,“ erzählt Geschäftsführer Manfred Knittel. Neue Methoden in der Herstellung hätten das aber geändert.

Biofilon bietet dem Verbraucher in privaten und industriellen Bereichen eine erschwingliche Alternative für umweltverträgliche Reinigungsmittel. Zwar könne vor allem in der Industrie im Moment noch nicht alles durch rein biologische Mittel ersetzt werden, „aber sie können einen großen Teil der chemischen Reiniger ersetzen“, so Knittel. Es gebe schon viele Möglichkeiten, etwas zu verändern – auch in der Industrie.
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Das Unternehmen Biofilon setzt nicht nur bei Verpackung und Logistik mit Flaschen aus Biokunststoff und CE (Conformité Européenne) zertifizierten Kartonagen auf Nachhaltigkeit. „Unsere wasserlöslichen Reinigungskonzentrate sind aus ökologischer Herstellung“, sagt Knittel. Das Besondere an diesen Produkten seien die vollständig abbaubaren biologischen Inhaltsstoffe.

Verwendet wird das Tensid Rhapynal, welches aus den drei Komponenten Rhamnolipide, Pyoverdine und Alginat zusammengesetzt ist. Der Hauptbestandteil Rhamnolipide sind biologische, oberflächenaktive Tenside mikrobiellen Ursprungs. Sie sind in ihrer Wirkung effektiver als synthetisch produzierte oder auf Erdöl basierende Tenside. Der große Vorteil liegt aber vor allem darin: Sie sind regionalen Ursprungs und vollständig biologisch abbaubar.
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Auch Verbraucher sollten Reinigungsmittel viel bewusster nutzen. „Viel hilft viel“ ist hier der falsche Ansatz. Allzweckreiniger, Sanitärreiniger, Glasreiniger und eine Säure – beispielsweise Zitrone oder Essig – reichen vollkommen aus, um Fett, Kalk oder Zuckerflecken zu entfernen. Allerdings haben auch natürliche Stoffe Auswirkungen auf das Ökosystem und die Gesundheit. Wenn Tenside beispielsweise aus Palmöl bestehen oder die Produkte falsch angewendet werden.

„Die Menge der Mittel muss richtig sein. Dosierungshinweise müssen beachtet werden“, rät Elke Messerschmidt vom Kompetenzzentrum Hauswirtschaft. Außerdem kann an Reinigungsmitteln gespart werden, wenn Tücher verwendet werden, die mehr Schmutz aufnehmen, wie etwa aus Mikrofasern.
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Heute greifen trotz wachsenden Umweltbewusstseins Verbraucher noch immer lieber zu chemischen als zu biologischen Produkten. Der Grund dafür liegt allein im Preis. Zwar ist dieser in den letzten 20 Jahren um fast 50 Prozent schon enorm gesunken. Weitere Forschung wie bei BioX sollen aber zu neuen Produktionsverfahren und schließlich zu weiter sinkenden Preisen führen. Im Endeffekt muss der Verbraucher entscheiden, ob er bei der Wahl der Putzmittel sich selbst und der Umwelt etwas Gutes tun will. Manfred Knittel ist optimistisch: „Da passiert viel momentan. Der Wille, wirklich etwas zu verändern, ist da.“
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Das Konsumverhalten der Verbraucher beeinflusst immer stärker die Umwelt. Dabei zeigen sich in Deutschland gegenläufige Tendenzen. Während nachhaltige Produkte bei den Verbrauchern immer beliebter werden, steigt gleichzeitig die Kauflaune bei konventionellen Produkten.

Der Konsum privater Haushalte ist eine Belastungsrobe für die Umwelt. „Letztlich haben die Konsumenten 60 bis 70 Prozent der Umweltfolgen in der Hand“, sagt Armin Grunwald, Leiter des Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag. Damit geht ein beachtliches Potenzial zur Verringerung der Umweltbelastung einher – eine große Verantwortung für die Verbraucher, die zwischen nachhaltigem Konsum und Kauflust stehen.
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Doch was bedeutet „Nachhaltiger Konsum“ überhaupt? Laut Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) beschreibt er einen Lebensstil und ein Verbraucherverhalten, das Umwelteinflüsse sowie soziale Aspekte bei Kauf und Nutzung von Produkten und Dienstleistungen berücksichtigt. Darunter fallen auch das Nutzungs- und Entsorgungsverhalten von Ressourcen im Alltag.

Für Susanne Waldmann, Gründerin und Geschäftsführerin des Unverpackt-Geschäfts in Würzburg, ist das Konzept des nachhaltigen Konsums jedoch ein Widerspruch in sich. „Konsum ist nie nachhaltig“, erklärt sie, weil selbst nachhaltiger Konsum einen Verbrauch von Ressourcen mit sich bringt. So sei mit nachhaltigem Konsum lediglich der bewusste Umgang mit Gütern und Dienstleistungen gemeint, die für das Leben notwendig sind.
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Von der Bio-Gurke bis zur Fairtrade-Jeans – die Nachhaltigkeitsbranche boomt in Deutschland. So verdoppelte sich seit 2010 laut der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft der Umsatz mit Bio-Lebensmitteln. Verbraucher aus Deutschland gaben 2018 durchschnittlich 132 Euro für Bio-Lebensmittel aus – Platz sechs im europäischen Vergleich. Wie der Verein TransFair mitteilt, erzielten Fairtrade-Produkte in Deutschland im Jahr 2019 einen Rekordumsatz. Für fair gehandelte Produkte wie Lebensmittel, Textilien und Elektronik gaben Konsumenten insgesamt zwei Milliarden Euro aus.
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Allerdings werden diese Erfolge durch höheren Konsum der Verbraucher gemindert – man spricht vom sogenannten Rebound-Effekt. „Das meint einfach, dass vieles von dem technischen Fortschritt, den wir haben, aufgefressen wird: durch Lebensstiländerung, Konsum, Wachstum und so weiter“, sagt Grunwald. So kämen die technischen Fortschritte bei Produktivität und Ressourcennutzung nicht unbedingt der Umwelt zugute, sondern zögen weitere Konsumsteigerungen nach sich. Dieses Phänomen zeigt sich auch in der Textilbranche.

Laut Angaben des Statistischen Bundesamts gaben deutsche Haushalte im Jahr 2019 rund 64,4 Milliarden Euro für Bekleidung aus, zehn Jahre zuvor waren es noch 54,47 Milliarden Euro. „Das ist das typische Luxusphänomen“, erklärt Grunwald. Auch für Matthias Pieper, Mitgründer des Zukunftshaus Würzburg, ist es eine Belastungsprobe für die Umwelt, „weil dieser ganze Ressourcenschwanz, der da hinten dranhängt, total unnachhaltig ist und unsere Erde diese Ressourcen gar nicht zur Verfügung stellt.“
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Immer mehr Verbraucher sind bereit, für nachhaltige Produkte mehr auszugeben. Zahlen des Marktforschungsinstituts Splendid Research in 2020 zeigen, dass die Preisbereitschaft bei Produkten mit Gütesiegel um 15 Prozent steigt. Dennoch: „Für viele Menschen ist der Preis nach wie vor das einzige Kriterium“, sagt Grunwald. Laut einer Umfrage des Instituts für Handelsforschung (IFH Köln) im Jahr 2020 empfinden 37 Prozent der Befragten nachhaltige Alternativen als zu teuer.

Die Würzburgerin Susanne Waldmann lässt dieses Argument nicht gelten: „Viele haben das Geld, einen Großteil von Produkten mit Bio zu decken, doch die Konsumenten setzen andere Prioritäten.“ Denn laut der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen steigen die Ausgaben neben der Textilbranche auch in der Reisebranche.
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Dabei muss Nachhaltigkeit nicht mit höheren Ausgaben verbunden sein. „Es gibt auch Möglichkeiten, wo Umweltschutz nicht nur die Umwelt entlastet, sondern auch meinen eigenen Geldbeutel“, sagt Pieper. Dazu zählen Angebote wie Carsharing und Tausch- und Leihbörsen. Außerdem kommen Maßnahmen wie Mülltrennung oder Fahrradfahren ohne Kosten für die Verbraucher. Die Umsetzung von Nachhaltigkeit ist individuell. So sei es wichtig, dass sich jeder einzelne Gedanken macht: „Wo kann ich in meinem Alltag anfangen, was kann ich für mich umsetzen? Das kann erstmal auch ganz wenig sein“, meint Pieper.

Bei der Effizienz solcher Maßnahmen herrscht jedoch Uneinigkeit. „Es kann sein, dass die Summe dieser kleinen Maßnahmen eben nicht ausreicht, um diesen ganz großen Tanker Weltwirtschaft mit dem Konkurrenzdenken und der Wachstumserwartung von Milliarden von Menschen dahinter, umzustellen“, so Grunwald.
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Für Grunwald ist der Konsument ein schlafender Riese. Prinzipiell könnte er mit seinem Konsumverhalten die Wirtschaft direkt beeinflussen. „Wenn alle Menschen auf Öko-Autos umstiegen, würde die Industrie keine Spritfresser mehr produzieren“, sagt er. Die Realität sieht jedoch anders aus. Wie aus Zahlen des Kraftfahrt-Bundesamts hervorgeht, machen SUVs und Geländewagen fast ein Drittel des Marktanteils der Pkw-Neuzulassungen im Jahr 2019 aus. „Wir sind ja in einem liberalen Wirtschaftssystem, wo Menschen selbst entscheiden, wie sie ihr Geld ausgeben wollen“, sagt Grunwald. Daraus dürfe man jedoch nicht schließen, dass der Endverbraucher gar keinen Einfluss auf die Wirtschaft habe. Schließlich hat die erhöhte Nachfrage nach Bio-, sowie Regionallebensmittel dazu geführt, dass Discounter immer mehr auf diese Produkte setzen.

So tragen die Konsumenten nicht die alleinige Verantwortung für mehr Nachhaltigkeit. „Verbraucher sind aus meiner Sicht wichtig, aber Politik und Wirtschaft sind wichtiger, weil sie den Verbrauchern helfen müssen, auch die richtigen Produkte kaufen zu können“, erklärt Pieper.
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VERARBEITEN

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Biogasanlagen

Für die globale Digitalisierung werden alternative Stromquellen immer unverzichtbarer. Strom, der aus fossilen Brennstoffen wie Öl erzeugt wird, soll nicht zuletzt der Umwelt zuliebe durch erneuerbare Energien vollständig ersetzt werden.

In Deutschland werden schon heute circa 60 Prozent der erneuerbaren Energien aus Stoffen wie Gülle, Mist, Lebensmittelabfällen und landwirtschaftlichen Produkten gewonnen. Aus dieser Biomasse wurden im Jahr 2019 laut des Umweltbundesamtes mehr als 50 Terawattstunden Biogas erzeugt. Das entspricht rund 12 Prozent des gesamten erneuerbaren Stroms. Jedoch können in Biogasanlagen nicht nur Strom, sondern auch Wärme und Biomethan für Kraftstoffe erzeugt werden.
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Biogas, auch Biomethan genannt, ist ein brennbares Gas, das in Biogasanlagen in großen Mengen hergestellt wird. Dies geschieht durch einen natürlichen Prozess, in dem organische Stoffe unter Ausschluss von Sauerstoff vergärt werden. Als organische Stoffe kommen Lebensmittelabfälle, Fäkalien aus der Landwirtschaft und nachwachsende Rohstoffe wie zum Beispiel Mais zum Einsatz. Im Gegensatz zum klassischen Erdgas handelt es sich beim Biogas also nicht um einen fossilen Brennstoff.

Mit dem gewonnenen Biogas wird Strom erzeugt, der dann für Heizungen, Gasherde oder Kraftfahrzeuge genutzt werden kann. Wie dieser Prozess funktioniert, erklärt Landwirt Christian Endreß, der eine Biogasanlage im mittelfränkischen Ulsenheim betreibt:
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Lagerstelle

Mais erzeugt besonders viel Energie, ist jedoch erst ab der Erntezeit im September verfügbar.

Lagerstelle

Mist von Schweinen, Rindern, Pferden und vielen weiteren Tieren ist das am häufigsten verwendete Material in Biogasanlagen.

Fermenter

Die angelieferten Rohstoffe werden durch Bakterien vergärt, wodurch verschiedene Gase entstehen. Diese werden an das Blockheizkraftwerk weitergeleitet.

Blockheizkraftwerk

Durch die in der Gärung entstandenen Gase wird ein Motor betrieben, der durch Drehbewegung Strom erzeugt. Als Nebenprodukt entsteht durch den Betrieb des Motors Wärme.

Reststoffe

Nachdem die Rohstoffe komplett verarbeitet wurden, können die Reststoffe von Landwirten als Dünger genutzt werden.

Speicherstelle

Falls im öffentlichen Netz kein Bedarf an Strom oder Wärme besteht, können die durch Gärung entstandenen Gase bis zu ihrer Weiterverarbeitung gespeichert werden.

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Bioenergie in Deutschland

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Als Primärenergieträger werden Energiequellen bezeichnet, die direkt aus der Natur gewonnen können. Dazu gehören zum Beispiel Holz, Steinkohle, Wind und sämtliche Formen von Biomasse. 2018 lag der Primärenergieverbrauch von Biomasse in Deutschland nach Zahlen der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen anteilig bei 6,4 Prozent. Der Verbrauch von Windkraft betrug im Vergleich dazu nur drei Prozent.

Auf 1,35 Millionen Hektar der deutschen Landwirtschaftsfläche – das entspricht etwa der Größe Schleswig-Holsteins – werden nachwachsender Rohstoffe für die Biogasproduktion angebaut. Dabei ist der Mais mit rund 65 Prozent die am meisten angebaute Nutzpflanze für Biogas.

Deutschlandweit werden derzeit etwa 9.500 Biogasanlagen betrieben. In Bayern stehen rund 2.600 davon. Diese erzeugen jährlich bis zu 50,5 Terawattstunden Strom, was zum Beispiel ausreicht, um alle Privathaushalte Baden-Württembergs ein Jahr lang mit Strom zu versorgen. Acht Prozent trägt Biogas damit laut dem Bayerischen Bauernverband anteilig zum direkten Strom- und Gasverbrauch in Bayern bei.
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Die steigende Preise für Ackerland, der Einstieg von Großinvestoren und zunehmende Monokulturen haben das einst gute Image der Biogasanlagen beschädigt.  

Je mehr Biogasanlagen es in einer Region gibt, desto teurer ist auch das Ackerland in der Umgebung. Der Grund: Die dort angebauten Nutzpflanzen können gewinnbringend an Biogasanlagen verkauft werden. Für landwirtschaftliche Betriebe, die Viehzucht betreiben und Futter für ihre Tiere anbauen, sind die Preise jedoch zu hoch. Der Ackerbau rentiert sich für sie nicht mehr.  

Ein weiteres Problem: Beim Anbau von Biogaspflanzen entstehen immer mehr Monokulturen. So wird auf vielen Feldern zum Beispiel ausschließlich Mais angebaut, der besonders gut verkauft werden kann. Dem Boden werden dadurch langfristig Mineralien entzogen, wodurch er zunehmend unfruchtbar wird. Auch auf die Artenvielfalt in der jeweiligen Region hat das negative Auswirkungen.

Trotzdem haben Biogasanlagen Vorteile gegenüber anderen erneuerbaren Stromerzeugern. Dr. Wilhelm Böhmer, Direktor des Bayerischen Bauernverbands für Franken erklärt, welche das sind:
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In der Öffentlichkeit werden Landwirte für das Sterben verschiedener Insektenarten, wie nicht zuletzt der Biene, verantwortlich gemacht. Unabhängig davon, ob diese Anschuldigungen berechtigt sind, leidet darunter das Image der Landwirte. Durch Protestaktionen signalisieren Landwirte aktuell ihre düsteren Aussichten für die Zukunft: Sie stellen grüne Kreuze auf den Felder auf oder blockieren den Stadtverkehr mit ihren Traktoren. Allein in Bayern mussten in den letzten zehn Jahren mehr als 14.000 landwirtschaftliche Betriebe, aufgrund von strengeren Auflagen und ständig neuen Reglementierungen, schließen.
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Das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) setzte im Jahr 2000 eine zwanzigjährige Förderung für Biogasanlagen fest. Über diese erhalten Betreiber von Biogasanlagen seither einen Festpreis in Höhe von 13 Cent pro Kilowattstunde Strom – ohne Förderung wären es gerade einmal drei Cent.

Für viele Biogasanlagen laufen diese Förderungen Ende 2020 jedoch aus. Für eine Vielzahl der Betreiber werden ihre Anlagen dann nicht mehr wirtschaftlich sein und sie werden schließen müssen. Das trifft nicht nur die Betreiber: Auch die Bauern, die ihre Produkte unter anderem an Biogasanlagen liefern, verlieren dadurch ihre Haupteinnahmequelle. Der Bayerische Bauernverband geht davon aus, dass  in den nächsten Jahren immer mehr landwirtschaftliche Betriebe schließen werden.

Für den Privatverbraucher bedeutet das: höhere Strompreise, Import von nicht ökologisch hergestellten Lebensmitteln aus dem Ausland sowie eine zunehmende Arbeitslosigkeit im landwirtschaftlichen Sektor. Der Bauernverband will dieser Entwicklung entgegenwirken und das Image von Biogasanlagen aufbessern, wie Dr. Wilhelm Böhmer erklärt:
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Biokohle

Schon vor über 2000 Jahren haben Ureinwohner im Amazonasgebiet Schwarzerde mithilfe von verbrannten Rohstoffen hergestellt. Das Würzburger Start-up Circular Carbon hat das Potenzial von Pflanzenkohle neu entdeckt
und gewinnt das vielfältige Naturmaterial aus Reststoffen der Schokoladenindustrie.

Etwa 13 Millionen Tonnen biogene Reststoffe fallen in der deutschen Lebensmittelindustrie jährlich an. Das zeigt eine Studie der Hochschule Bremen und der Universität Gießen. Dazu kommen große Mengen an Grünabfällen und Holzresten aus der Land- und Forstwirtschaft. Häufig bleiben diese wertvollen Reststoffe ungenutzt. Der Würzburger Unternehmensgründer Felix Ertl hat dieses Potenzial erkannt: Mit seinem Start-Up Circular Carbon verarbeitet er Kakaoschalen aus der Schokoladenproduktion zu nährstoffreicher Pflanzenkohle. Diese kann zum Beispiel als Futtermittel oder Bodenverbesserer eingesetzt werden – und die Möglichkeiten der Pflanzenkohle sind damit noch lange nicht ausgeschöpft.
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Felix Ertl hat Maschinenbau an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt studiert. Bei seinem Master-Studium der nachhaltigen Verfahrenstechnologie in Schweden vertiefte er dann seine Kenntnisse in der Thermodynamik. Schon während des Studiums war für ihn klar, dass sein zukünftiger Beruf seinen ideologischen Vorstellungen entsprechen muss.

Das oberste Ziel des Gründers: die natürliche Lebensgrundlage auf der Erde für künftige Generationen erhalten. Der Einklang von Nachhaltigkeit und wirtschaftlichem Erfolg ist deshalb integraler Bestandteil seiner Unternehmensphilosophie. Mit Pflanzenkohle aus biologischen Reststoffen trägt sein Unternehmen Circular Carbon dazu bei, Treibhausgase zu reduzieren und leistet so einen Beitrag zum Umweltschutz.


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Für die Produktion der Biokohle nutzt das Unternehmen Kakaoschalen, die bei der Produktion von Kakaopulver und Kakaobutter anfallen. Alleine in einer Hamburger Schokoladenfabrik sind das 15.000 Tonnen Kakaoabfall – am Tag. Felix Ertl erklärt wie die Kakaoabfälle dann zu Kohle werden:


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Vorher/Nacher Ansicht

Das Vorherbild zeigt die Kakaoschalen und Reststoffe der Schokoladenindustrie. Im Prozess der Karbonisierung entsteht aus dem Biorohstoff die Pflanzenkohle. Ihre Eigenschaften machen die Pflanzenkohle zu einem wertvollen Biomaterial, wie Felix Ertl im Interview erläutert:

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Die Eigenschaften der Pflanzenkohle können während der Herstellung über verschiedene Parameter bestimmt werden.
So haben die Temperatur, die Prozessdauer und die Aufwärmgeschwindigkeit Auswirkungen auf die fertige Biokohle: Wenn die Kohle zum Beispiel vor allem Mineralstoffe binden soll, muss sie bei niedrigen Temperaturen durchglühen. Bei höheren Temperaturen steigt wiederum die Stabilität der Pflanzenkohle.
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Pflanzenkohle bietet in der Anwendung eine Vielzahl von Möglichkeiten. So kann sie zum Beispiel als Dämmstoff oder Industriematerial, aber auch in Kosmetik oder Arzneimitteln eingesetzt werden. Circular Carbon hat sich auf zwei Anwendungsbereiche spezialisiert: Ihre Biokohle kommt als Futtermittel und Bodenverbesserer zum Einsatz.
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Als Futterzusatz für Kühe wirkt sich Pflanzenkohle positiv auf die Umwelt aus: Der Bauer mischt die Pflanzenkohle in das Futter der Kühe. Im Verdauungstrakt der Tiere bindet sie Bakterien und fördert so eine gesunde Darmflora. Dadurch wiederum muss der landwirtschaftliche Betrieb weniger Antibiotika einsetzen. Zusätzlich werden Treibhausgase eingespart, denn durch den Einsatz der Futterkohle stoßen die Kühe nur halb soviel Methan aus. Auch die Geruchsbelastung für die Anwohner sinkt dadurch.

Wird die Kohle von den Tieren schließlich wieder ausgeschieden, landet sie entweder direkt auf der Weide oder, in Form von Gülle, auf den landwirtschaftlichen Ackerflächen. In beiden Fällen gelangen ihre Nährstoffe in den Boden und fördern so das Pflanzenwachstum. 
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Immer öfter kommt es infolge der Klimaerwärmung zu Dürreperioden, die für Böden und damit auch für Bäume eine große Belastung darstellen. Die Stadt Würzburg möchte in Kooperation mit Circular Carbon die Stadtbäume für das zukünftige Klima rüsten und hat dafür ein Konzept zur Klimaanpassung ausgearbeitet.

Grundlage dieses Konzepts ist ein spezieller Strukturboden. Er verhindert, dass sich der Boden verdichtet, also verformt. Dadurch wird er belastbarer. Der Strukturboden setzt sich aus größeren Gesteinen mit geschützten Hohlräumen zusammen, in die dann Pflanzenkohle und Kompostmischungen eingespült werden. Die Pflanzenkohle funktioniert hier wie ein Schwamm: Sie speichert Wasser im Boden und hält es bei Starkregen zurück. Gleichzeitig bindet die Kohle wichtige Nährstoffe. Damit fördert die Pflanzenkohle das Wachstum der Bäume und hilft, ihren natürlichen Lebensraum wiederherzustellen.
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Nachhaltig wohnen

Holzhäuser sind winddicht, besonders gut wärmeisoliert und schützen das Klima. In der Baubranche steigt das Umweltbewusstsein und damit auch die Anzahl an Wohngebäuden aus Holz.

Laut Statistischem Bundesamt wurden 2019 in Deutschland rund 22.300 Neubauten in Holzbauweise genehmigt – fast 10.000 mehr als noch vor zehn Jahren. Damit wird derzeit fast jedes fünfte neue Haus aus Holz gebaut. Steigt dieser Anteil weiter, könnte der Holzbau in den kommenden Jahren einen erheblichen Teil zum Erreichen der Klimaschutzziele leisten, erklärt Ulf Rössler vom Münchner Architekturbüro dressler mayerhofer rössler:
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Nicht nur in Form von Bauholz haben Bäume einen beachtlichen Klimaschutz-Effekt: Mittels Photosynthese können sie in ihrer Wachstumsphase enorme Mengen des umweltschädlichen Treibhausgases Kohlenstoffdioxid (CO2) aus der Atmosphäre binden. Allein eine 25 Meter hohe Fichte mit einem Durchmesser von 45 Zentimetern bindet jährlich etwa 1.800 Kilogramm CO2, wie eine Berechnung der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft zeigt. Das entspricht rund 10.000 Kilometern Fahrt in einem durchschnittlichen PKW.  

Werden die Bäume dann zu Bauholz und schließlich zum fertigen Holzhaus weiterverarbeitet, dient das Holz als wertvoller CO2-Speicher, während im Wald neue Bäume der Atmosphäre CO2 entziehen. Sofern regionales Holz zum Einsatz kommt, das keine unnötigen Transportwege verursacht, ist der Holzbau damit nahezu klimaneutral.
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Baugemeinschaft "Der kleine Prinz" im Prinz-Eugen-Park.
Baugemeinschaft "Der kleine Prinz" im Prinz-Eugen-Park.
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Ein Paradebeispiel für erfolgreiches Bauen und Wohnen mit Holz ist die ökologische Mustersiedlung im Münchner Prinz-Eugen-Park. Seit 2017 entstehen dort nach und nach 570 Wohnungen in unterschiedlichen Holzbauprojekten – die bislang größte zusammenhängende Holzbausiedlung in Deutschland. Auch soziale Aspekte stehen bei dem Projekt im Fokus. So waren am Bau nur städtische Baugesellschaften beteiligt, um hohe Mietpreise durch Privatinvestoren zu vermeiden und jeder Einkommensschicht das Wohnen in der Mustersiedlung zu ermöglichen.  

Auch das Architekturbüro dressler mayerhofer rössler hat aktiv an dem Projekt im Prinz-Eugen-Park mitgewirkt. Ulf Rössler berichtet bereits von positiven Rückmeldungen der ersten Bewohner: „Es ist unglaublich, was für eine Ausstrahlung dieser Baustoff hat“, so der Architekt.

Quelle Bilder: Michael Nagy / Landeshauptstadt München
Baugemeinschaft "Der kleine Prinz" im Prinz-Eugen-Park.
Baugemeinschaft "Der kleine Prinz" im Prinz-Eugen-Park.
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Ein weiterer Punkt, der zunächst für das Holz als Baustoff zu sprechen scheint: Die Materialkosten sind im Vergleich zum konventionellen Bau relativ gering. Jedoch fallen auch zusätzliche Ausgaben an: Die Holzbauweise erfordert im Vorfeld eine äußerst präzise und intelligente Planung, zum Beispiel beim Verlegen von Leitungen oder dem Einhalten von Brandschutzregeln. Außerdem werden fast ausschließlich ausgebildete Fachkräfte eingesetzt. Diese Zusatzkosten seien jedoch eine Investition in die höhere Qualität des Holzbaus, wie Rössler erklärt:
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Auch um den Baumbestand müsse man sich laut Rössler keine Sorgen machen. Nur ein Bruchteil der derzeit erwirtschafteten Gesamtmenge an Holz werde für den Bau verwendet. Außerdem könnten zahlreiche Baustoffe aus Holzabfällen hergestellt werden, die sonst im Wald verfaulen würden. So werden Sturmholz und andere Holzreste zum Beispiel für Dämmstoffe oder bestimmte Faserplatten wiederverwertet – und machen den Holzbau damit zur ressourcenschonenden Baualternative.
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Bierkohle

Mit dem Sommer beginnt die Grillsaison. Obwohl immer mehr Verbraucher auf nachhaltigen Konsum achten, ist den wenigsten bewusst: Auch beim Grillen wird die Umwelt erheblich belastet.

Grund dafür ist die Holzkohle, die laut einer Studie des Unternehmens für Marktforschung Nielsen bei den meisten Deutschen den Grill anheizt. Das Fraunhofer-Institut UMSICHT hat aus Brauereiresten eine nachhaltige Alternative entwickelt. Projektmanager Fabian Stenzel erklärt, warum der Holzkohleersatz dringend gebraucht wird:
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Ein großer Kritikpunkt an der deutschen Holzkohle ist also, dass sie überwiegend aus tropischen Ländern importiert wird. Eine Marktanalyse des WWF in Zusammenarbeit mit der ARD deckte im Jahr 2018 auf, unter welchen Bedingungen in Ländern wie Nigeria und Paraguay Holz gewonnen wird: Die Holzkohleproduktion führt dort nicht nur zu einer sehr hohen Abholzungsrate, sondern auch zu illegalem Holzeinschlag und Raubbau an Wäldern.  

Gleichzeitig gibt es in der EU für den Import von Holzkohle keine Kontrollinstanz. Es wird also auch nicht behördlich geprüft, ob die nach Deutschland importierte Holzkohle legal produziert wurde. Umso wichtiger ist es für umweltbewusste Verbraucher, selbst auf die Herkunft ihrer Grillkohle zu achten. Das Umweltbundesamt empfiehlt Holzkohle mit einem FSC-Siegel. Dieses garantiert unter strengen Kontrollen, dass das verwendete Holz aus einer nachhaltigen Forstwirtschaft stammt.
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Mittlerweile finden sich im Handel aber auch immer mehr Alternativen zur Holzkohle, zum Beispiel Grillkohle aus Oliven oder Mais. Aus jedem Rohstoff, in dem Kohlenstoff als Basis steckt, ließe sich grundsätzlich ein Brennstoff machen, erklärt Lars Droese, Geschäftsführer des Holzkohlewerks Lüneburg. Das sei allerdings nicht immer sinnvoll, weil vor der Produktion sämtliche Fremdstoffe entfernt werden müssten. Wirtschaftlicher und umweltfreundlicher sei es daher, „Abfallprodukte“ zu Brennstoffen weiterzuverarbeiten. So bietet das Holzkohlewerk Lüneburg zum Beispiel Grillbriketts aus Kokosschalen an:
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Allerdings spielt die Herkunft der Rohstoffe auch bei vermeintlich nachhaltigen Holzkohle-Alternativen eine nicht unerhebliche Rolle. Die oft langen Transportwege wirken sich negativ auf die Klimabilanz der Produkte aus, wie Fabian Stenzel von Fraunhofer UMSICHT deutlich macht. Dabei stellt er vor allem Grillkohle aus Oliven und Kokos in Frage:
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Die Idee zur ‚Bierkohle‘ kam dem Fraunhofer-Institut UMSICHT zusammen mit dem Holzkohlewerk Lüneburg und der Münchner Brauerei Schneider Weisse. Denn nicht nur Schneider Weisse, auch viele andere Brauereien haben mit einem Problem zu kämpfen: Sie finden keine Abnehmer für ihre Braumalz-Rückstände, den sogenannten Biertreber.  

Biertreber ist sehr eiweiß- und ballaststoffhaltig und wird in der Landwirtschaft als Futtermittel eingesetzt. Weil er schnell verdirbt, entsteht jedoch vor allem in großstädtischen Regionen häufig ein Biertreber-Überschuss. Zusätzlich erschweren gesetzliche Futtermittel-Restriktionen eine langfristige Nutzung der Brauerei-Abfälle. So bleiben die Reststoffe oft ungenutzt und müssen von den Brauereien aufwendig entsorgt werden.
Hans-Peter Drexler, Braumeister und technischer Betriebsleiter bei Schneider Weisse beschreibt, um welche Ausmaße es sich handelt:
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Mit dem sogenannten thermo-katalytischen Reforming (TCR) hat das Fraunhofer-Institut ein Verfahren entwickelt, mit dem Reststoffe aus der Industrie oder Landwirtschaft unter anderem zu Biokohle verarbeitet werden können. Mit dem Bierkohle-Projekt liefert das Institut einerseits eine nachhaltige Alternative zur Holzkohle und unterstützt andererseits die Brauereien bei der Entsorgung. Der Biertreber wird dafür getrocknet, entwässert und mit Hilfe des TCR-Verfahrens in Kohle umgewandelt. Aus den Gasen, die dabei entstehen, wird zudem Energie gewonnen, die der Brauerei in Form von Strom und Wärme wieder zugeführt wird.
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Das Ergebnis kann sich grillen lassen: Die Bierkohle ist rauchfrei und weist hohe Grilltemperaturen auf, um lange grillen zu können. Dem Kunden entstehen im Vergleich zur Holzkohle also keine qualitativen Nachteile. Preislich wird sich die Grillkohle am Premium-Segment orientieren. Auch Fabian Stenzel betont, wie wichtig die Qualität der Kohle ist. Denn sie ist neben der Klimabilanz entscheidend, um die neue Grillkohle erfolgreich auf den Markt zu bringen:
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Verwertung problematischer Abfälle

Wenn Ende 2020 die staatlichen Förderungen ablaufen, müssen Windparkbetreiber in Deutschland tausende Windkraftanlagen zurückbauen. Kein geeignetes Recyclingverfahren existiert bislang für die entstehenden Abfälle. Wird der Hoffnungsträger der Energiewende zur Last?
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Deutschland ist mit rund einem Drittel aller europäischen Windenergieanlagen Windenergiemeister. Noch machen knapp 30.000 installierte Anlagen aus Wind Energie – doch das wird sich Ende 2020 ändern. Dann endet für rund 5.000 Anlagen die Förderung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz, kurz EEG.

Eine Studie des Umweltbundesamts prognostiziert daher den verstärkten Rückbau von Windkraftanlagen ab 2021 und warnt vor Engpässen bei den Recyclingkapazitäten. Doch nicht nur die ablaufende EEG-Förderung ist ein möglicher Grund dafür, dass bald zahlreiche Anlagen abgebaut werden könnten. Lars Schnatbaum-Laumann von der EnergieAgentur.NRW erläutert:
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Beim Rückbau einer Windkraftanalage fallen neben Beton, Stahl und Kupfer auch Glasfaserverstärkter Kunststoff (GFK) oder Kohlenstofffaserverstärkter Kunststoff (CFK) als Abfall an. Diese sogenannten Verbundmaterialien sind vor allem in den Rotorblättern der Windräder verbaut. Jedoch können sie mit bestehenden Verfahren nur schwer recycelt werden, da ihre einzelnen Bestandteile nicht vollständig wieder voneinander getrennt werden können.

Zwar kann die Glasfaser aus GFK-Abfällen als Sandersatz in Zementwerken wiederverwertet werden, der übrige Kunststoff wird jedoch nur energetisch recycelt, also verbrannt. CFK-Anteile werden bislang nicht einmal in die Verbrennungsanlage gegeben, da sie diese beschädigen können. Die Beseitigung dieser Abfälle könnte zum Problem werden. 
Frank Kreimer, Geschäftsführer der Hagedorn Abbruchservice GmbH, warnt vor den Folgen unsachgerechter Entsorgung:
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Die Rahmenbedingungen für einen sachgerechten Abbau regelt seit Juli 2020 die Norm DIN SPEC 4866. Mit dem Branchenstandard veröffentlichte das Deutsche Institut für Normung e.V. die europaweit ersten Leitlinien zum Rückbau von Windenergieanlagen.  

Für die Betreiber bleibt der Rückbau dennoch ein Problem, vor allem in finanzieller Hinsicht: Nach Aussage des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie kostet der Rückbau einer Windkraftanlage durchschnittlich rund 80.000 Euro pro Megawattstunde. Zum Vergleich: Eine Windkraftanlage mit einem Megawatt Leistung erwirtschaftet bei 1.800 Volllaststunden im Jahr ca. 16.600 Euro Nettogewinn. Laut Kreimer variieren die Kosten für den Rückbau allerdings stark in Abhängigkeit von Standort, Typ, Zustand, Alter und Wiederverwertbarkeit der Anlage.
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Prognosen des Umweltbundesamts unterstreichen den Ernst der Lage: Durch abgebaute Rotorblätter werden in Zukunft jährlich bis zu 70.000 Tonnen GFK/CFK-Abfälle entstehen. Gegenwärtig fällt ungefähr ein Viertel dieser Menge an. Dazu kommt: In Deutschland gibt es bislang nur eine einzige Verwertungsanlage für die problematischen Abfälle.

Die Herausforderung bestehe darin, „ein wirtschaftliches und vor allem ressourceneffizientes Verfahren für das Recycling von glas- und kohlefaserverstärkten Kunststoffen zu entwickeln“, macht auch Alexander Hofmann, Gruppenleiter Recyclingtechnologien bei Fraunhofer UMSICHT, deutlich. Eine vollständige Kreislaufwirtschaft sieht er in naher Zukunft als unrealistisch:
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Wie wäre es, wenn die nächste Shopping-Tour zum Schrottplatz geht? Denn was die einen wegwerfen, ziehen andere an. Das ist nicht Müll, das ist Fair-Fashion!

Seit 2017 produziert das Kölner Startup-Unternehmen Airpaq hochwertige Rucksäcke. Der Clou: Sie bestehen zu 100 Prozent aus alten Auto-Airbags. „Unsere Vision ist es, eine nachhaltige Alternative zu konventionellen Produkten zu schaffen“, beschreiben die beiden Unternehmensgründer Adrian Goosses und Michael Widmann die Philosophie ihres Unternehmens.

Dafür benutzen sie das Konzept des ‘Upcyclings‘. Upcycling ist eine besondere Form des Recyclings, bei der aus gebrauchten oder kaputten Gegenständen ein neues, hochwertiges Produkt geschaffen wird. Was sonst seinen Weg in die Verbrennungsanlage findet, wird so beispielsweise wieder zu einem Alltagsgegenstand. Ein Prozess, bei dem durch gezielte Wiederverwertung von Materialen auch die Verschwendung von Rohstoffen verhindert wird.

Foto: Martin Steinbach / Airpaq
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Die alten Airbags konnten die beiden Airpaq-Gründer jedoch nicht einfach auf dem Schrottplatz nebenan einsammeln. In einem Interview mit der Website „Utopia“ erklärt Abfallexperte Philipp Sommer von der Deutschen Umwelthilfe (DUH), was es bei dem Konzept zu beachten gibt: „Manche Upcycling-Produkte sind umweltfreundlich, andere nicht. Man muss sehen, was sonst mit dem Abfall passiert“.

Ein Beispiel hierfür ist die Autoverwertung. Laut Umweltbundesamt finden rund eine halbe Millionen Pkws jährlich ihren Weg zur Autoverwertung. Einige der im Auto verbauten Rohstoffe lassen sich wiederverwerten. Dazu gehören vor allem Eisenmetalle, Aluminium und Buntmetalle wie Kupfer, Cadmium oder Nickel. Alte und kaputte Airbags hingegen können in der Autoindustrie aufgrund des enthaltenen Sprengstoffs nicht weiterverwertet werden. Sie müssen unter strengen Regulierungen fachgerecht gezündet und zusätzlich aufwendig gesäubert werden, da die enthaltenen Materialen eine Gefahr für die Umwelt darstellen.
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Foto: Airpaq UG
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Dies stellte das junge Unternehmen vor eine Herausforderung. Nach langer Suche bekamen die beiden Gründer Kontakt zu einem Airbag-Hersteller, der nah an ihrer Produktionsstätte in Rumänien, unter hohen Sicherheitsstandards produziert und deshalb viel Ausschussware hat, die normalerweise im Müll landet. Der neuwertige Zustand der Airbags und die Nähe zum Produzenten machen den Herstellungsprozess nachhaltiger, effizienter und letztlich auch kostengünstiger.

Airpaq
legt großen Wert auf nachhaltiges Handeln in allen Prozessschritten. Die Rucksäcke werden in Rumänien unter strengen EU-Umweltschutzstandards produziert. Eine Produktion außerhalb Europas stand nicht zur Debatte: „Fair-Fashion und Nachhaltigkeit gehen für mich Hand in Hand. Ich kann kein nachhaltiges Business führen und dann sagen, mich interessiert nicht, wo die Dinge herkommen“, so Goosses. Zudem habe die Nähe zu Deutschland den Vorteil, die Produktion persönlich begleiten zu können.


Foto: Airpaq UG
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Dass so ein Einstieg in das Fair-Fashion-Business nicht immer einfach ist, weiß Aylin Süner nur zu gut. In Berlin unterstützt sie mit ihrer PR-Agentur Prodigée Firmen, die sich mit nachhaltigen Konzepten in dem Nischenmarkt etablieren wollen. Bei der Auswahl ihrer Partner achtet die PR-Beraterin auf gezielte Kriterien: „Bei uns kommt es wirklich auf den Unternehmer an. Wir müssen das Gefühl haben, es ist jemand, der authentisch und zielstrebig ist.“ Das gehe nur über Transparenz, einen langen Atem und Aufklärungsarbeit.

Denn seit die Nachhaltigkeit in der Modebranche einen immer höheren Stellenwert erlangt, missbrauchen Unternehmen den nachhaltigen Modegedanken zu ihren persönlichen Marketingzwecken. Dieses Phänomen nennt man „Green Washing“. Darunter fallen  Kampagnen und PR-Aktionen, in denen Firmen sich der Öffentlichkeit mit einem „grünen Image“ präsentieren und dem Kunden ihre Produkte als „ökologisch wertvoll“ verkaufen, obwohl dies nicht den Tatsachen entspricht.


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Ein Beispiel dafür ist die H&M-Recycling-Kampagne aus dem Jahr 2015. Mit dem Slogan: "There are no rules in fashion but one: recycle your clothes” wirbt das Unternehmen für nachhaltigen Modekonsum. Dafür sollen die Kunden ihre ungeliebte Kleidung in den H&M-Geschäften abgeben und erhalten im Gegenzug einen Rabattgutschein für den nächsten Einkauf.

Dabei sieht die Realität anders aus: Recherchen des dänischen TV-Senders TV2 zeigen, dass in einer Verbrennungsanlage im dänischen Roskilde seit 2013 jährlich im Schnitt zwölf Tonnen fabrikneue Kleidung des Konzerns vernichtet werden. Zudem wird in dem Nachhaltigkeitsbericht des Konzerns aus dem Jahr 2015 deutlich, dass nur 20 Prozent der Fasern aus den gesammelten Kleidungsstücken recycelt und wiederverwendet werden.
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In einer Umfrage des Deutschen Startup Monitor 2019 ordnen gut 37 Prozent der Startups ihre Produkte oder Dienstleistungen der ‘Green Economy‘ zu. Dies ist im Jahresvergleich zu 2018 eine Steigerung von 3,8 Prozent und lässt vermuten, dass es für die Fair-Fashion-Unternehmen schwerer werden wird, sich gegen die immer größer werdende Konkurrenz untereinander durchzusetzen. Neben Airpaq gibt es auch andere Unternehmen, die sich das Konzept des Upcyclings zunutze machen. Das Unternehmen Freitag aus Zürich stellt Taschen aus ausrangierten Fahrradschläuchen, gebrauchten LKW-Planen und Autogurten her. Doch Adrian Gooses sieht sein Unternehmen dadurch nicht gefährdet: „Ich sage immer gerne, dass ich diese Unternehmen gar nicht mal als meine Konkurrenz ansehe, sondern eher als Partner.“ 


Als größere Konkurrenz sehe der junge Unternehmer konventionelle Fashion-Unternehmen: „Wenn ich es mit meinem Produkt schaffe, jemanden zu überzeugen, der sonst ein konventionelles Produkt aus schlechter Herstellung kauft, dann habe ich etwas erreicht.“ Das funktioniere mit den Airbags ganz gut, da das Material Rucksack-Stoffen ähnele. „Unsere Kunden müssen keine riesigen Upcycling-Fans sein, um die Produkte zu kaufen. Dadurch heben wir uns in der Branche auch ein bisschen ab. Ein ganz konventioneller Kunde kann unsere Produkte cool und praktisch finden“, erklärt Goosses. Dennoch ist die Fair-Fashion-Branche immer noch ein Nischenmarkt und die Preise für nachhaltige Produkte, verglichen mit konventionellen Produkten, sind hoch. Denn eine nachhaltige Produktion ist mit Kosten verbunden. Während ein konventionell hergestellter Rucksack mit 35 Liter Volumen zwischen 70 und 115 Euro kostet, liegt ein vergleichbarer Rucksack von Airpaq bei 219 Euro.

Auf dem Foto:  Airpaq UG


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Natürlich wünscht sich jeder Unternehmer eine vielversprechende Zukunft seiner Branche. Doch wird Fair-Fashion die Zukunft der Modeindustrie sein? Das Bewusstsein für Nachhaltigkeit ist in den letzten Jahren auch in den Kleiderschränken der Deutschen angekommen. Das Marktforschungsinstitut Dr. Grieger & Cie. hat bereits 2016 in einer repräsentativen Umfrage rund 1.000 Verbraucher zu nachhaltiger Bekleidung und Mode befragt. Knapp drei Viertel der Befragten halten Nachhaltigkeit in Bezug auf Bekleidung für wichtig. So haben drei von zehn Deutschen in den letzten zwölf Monaten bereits auch mindestens ein nachhaltig produziertes Kleidungsstück gekauft.
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Auch Adrian Goosses ist von einer nachhaltigen Zukunft überzeugt: „Ich glaube auf jeden Fall, dass sich Fair-Fashion irgendwann durchsetzen wird. Ich meine, wenn man sich die heranwachsende Generation anschaut, wie beispielsweise die Fridays for Future-Bewegung, dann sieht man, dass das Thema Nachhaltigkeit gerade auch bei den jungen Leuten eine wahnsinnig große Rolle spielt. Mir würde kein Grund einfallen, warum das in naher Zukunft weniger werden sollte“.
Doch erst 2018 ergab eine Studie des Marktforschungsinstituts Appinio, dass sich nur 23 Prozent der Befragten zwischen 14 und 34 Jahren vorstellen könnten, in Zukunft nachhaltige Mode zu kaufen, weitere 38 Prozent könnten sich das tendenziell vorstellen. Wann dies der Fall ist und wie eine nachhaltige Modebranche aussieht, darüber lässt sich nur spekulieren. Dass Upcycling und Recycling in Zukunft weiterhin wichtig sein werden, davon ist Adrian Goosses überzeugt.
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Wie lassen sich im Gesundheitsbereich herkömmliche Kunststoffe ressourcenschonend ersetzen? Das SKZ in Würzburg forscht an Biopolymeren. Warum der Weg in die Klinik weit ist.
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Nierenschalen, OP-Tücher, Verpackungen – in der Medizin ist die Nutzung von Einwegprodukten häufig aus Gründen der Sterilität vorgeschrieben. Doch lassen sich herkömmliche, petrochemische Materialien durch nachhaltigere Alternativen ersetzen? Der Medizintechniker Markus Eblenkamp von der TU München arbeitet an der Entwicklung ressourcenschonender Materialien. Der Medizinprodukte-Sektor, sagt er, könne eine Pilotfunktion übernehmen: Viele Medizinprodukte ließen sich mit vergleichsweise geringen Materialmengen herstellen. Zudem würden sie in hohen Margen produziert, die vom Rohstoffpreis unabhängig sind.
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Dass der Bedarf an nachhaltigen Alternativen im Gesundheitssektor vorhanden ist, zeigt auch die vielfältige Forschung. So wird auch für den medizinischen Bereich bereits an Kunststoffen geforscht, die aus nachhaltigen Rohstoffen hergestellt werden können, sogenannten Biopolymeren. Dazu zählen zum Beispiel das aus Braunalgen gewonnene Alginat oder Chitosan, ein Biopolymer, das unter anderem aus Krabbenschalen hergestellt werden kann. Beide zeichnen sich durch ihre Biokompatibilität aus, sind also für Patienten gut verträglich. So kann Alginat für medizinische Wundauflagen verwendet werden und aus Chitosan lässt sich chirurgisches Nahtmaterial fertigen, das sich von selbst im Körper abbaut.

Auch Polyactid (PLA) und Polyhydroxyalkanoate (PHA) zählen dazu. Während PLA auf der Basis von Maisstärke und Milchsäure hergestellt wird, werden PHA von Bakterien als Energiereserve produziert. Beide Biopolymere werden intensiv erforscht und sind vereinzelt schon für die Verwendung im medizinischen Bereich zugelassen.
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Auch das SKZ Kunststoffzentrum in Würzburg forscht an Biopolymeren und ihren potenziellen Einsatzgebieten im medizinischen Bereich. Johannes Rudloff, stellvertretender Leiter des Bereichs Materialentwicklung, Compoundieren und Extrudieren, nennt aktuell vor allem resorbierbare Implantate wie Schrauben oder Nahtmaterial. Doch auch für Gehäuse von medizinischen Geräten oder für Verpackungen könnte das Material in Zukunft zum Einsatz kommen, sagt Rudloff.

Gerade im Verpackungsbereich ist der Umstieg auf die nachhaltige Alternative naheliegend: Die Produkte haben meist eine geringere Lebensdauer und werden nach einmaliger Benutzung recycelt oder entsorgt. "Anders als bei Produkten, die mehrere Jahrzehnte im Einsatz sind, ist hier keine aufwendige Erforschung von Langzeiteigenschaften der eingesetzten Biopolymere nötig", erklärt der Materialentwickler des SKZ.
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Die Theorie klingt vielversprechend, doch wie sieht es mit der tatsächlichen Anwendung solcher Produkte aus? Nachhaltigkeit sei ein wichtiger Faktor, sagt Susan Lindner vom Hygiene Technologie Kompetenzzentrum, Teil der Unternehmensgruppe Sozialstiftung Bamberg. Doch in der Praxis hätten derzeit oft andere Faktoren Vorrang.

In Krankenhäusern wie dem Klinikum in Bamberg stünden Aspekte wie die praktische Anwendung und die Risikobewertung noch über der Umweltverträglichkeit. So könnten zum Beispiel neue, nachhaltige Produkte umständlicher in der Handhabung sein und damit eine Fehlerquelle sein, sagt Lindner. Als Beispiel führt sie ein umweltfreundliches Reinigungsmittel an, das sich in der Anwendung möglicherweise von herkömmlichen Produkten unterscheidet und damit reibungslose Abläufe im Klinikalltag stört.

Von Seiten der Anwender sprechen also trotz der generellen Bereitschaft zu mehr Nachhaltigkeit noch Funktionalität, Praktikabilität und der Kostenfaktor gegen umweltfreundlichere Medizinprodukte. Und auch der Preis für nachhaltige Materialien liegt noch über dem für konventionelle Produkte.
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Auch die produzierende Pharmaindustrie stehe, laut Aussage eines Ingenieurs aus der Branche, der anonym bleiben möchte, unter so einem enormen wirtschaftlichen Druck, dass der Einsatz der teureren biologischen Kunststoffe noch nicht möglich sei. „Auch in der Pharmaindustrie ist das Thema Nachhaltigkeit mehr in den Mittelpunkt gerückt, doch sowohl aus wirtschaftlichen als auch aus regulatorischen Gründen ist ein Einsatz von Biokunststoffen noch nicht ohne weiteres möglich“, sagt er. Dennoch sei der Wille auch in seinem Unternehmen da und sowohl bei der Entwicklung neuer als auch bei der Produktion bestehender Produkte spiele die Nachhaltigkeit eine immer größere Rolle.
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Relevant für beide Seiten sind der Gesundheitsschutz und die komplexen Regularien. Diese aufwendigen Prüf- und Zertifizierungsverfahren sind neben den Kosten eine weitere Hürde für Biokunststoffe im Medizinsektor. Doch beide Probleme lassen sich laut Rudloff mit einer fortschreitenden Entwicklung und Produktion in Zukunft lösen:

Bei der Zulassung als Medizinprodukte stehe den Biokunststoffen eigentlich nichts im Wege. Die Richtlinien, welche die Zulassungsvoraussetzungen für Biopolymere in der Medizintechnik festlegen, unterscheiden häufig nicht zwischen biobasierten oder petrochemischen Materialien. Prinzipiell spreche laut Rudloff deshalb nichts gegen die Zulassung von Medizinprodukten aus Biokunststoffen. Das Hauptproblem sei vielmehr die geringe Erfahrung mit den noch recht jungen Werkstoffen. Oft seien Zulassungen schlicht noch nicht vorhanden und bestimmte Aspekte noch nicht ausführlich genug erforscht. Das könne sich jedoch in den nächsten Jahren und Jahrzehnten ändern.


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Selbst der Kostenaspekt werde in den nächsten Jahren nach Rudloffs Einschätzung ein immer geringeres Problem: „Je höher die Kapazitäten sind, in denen Biopolymere produziert werden, desto effizienter und wirtschaftlicher wird die Herstellung.“ Laut der Studie "Bio-based Building Blocks and Polymers" des nova-Instituts für Ökologie und Innovation betrug die Gesamtproduktionsmenge biobasierter Kunststoffe 2018 7,5 Millionen Tonnen. Das entspricht gerade einmal zwei Prozent der Produktionsmenge petrochemischer Kunststoffe. Doch das SKZ ist zuversichtlich, dass der Marktanteil der Biopolymere auf dem Kunststoffmarkt innerhalb der nächsten fünf Jahre weiterhin deutlich wachsen wird.
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Essenziell für die Lösung der bestehenden Probleme ist für Rudloff insgesamt die kontinuierliche Erforschung der Biopolymere: Von der Grundlagenforschung über die vorwettbewerbliche Forschung bis hin zur industriellen Forschung, bei der ein Prototyp für die eigentliche Anwendung entwickelt wird.

Nicht nur das Potenzial für mehr Nachhaltigkeit im medizinischen Sektor, auch die Bereitschaft von Herstellern und Anwendern sowie geeignete Lösungen sind vorhanden. Die Entwicklung steht allerdings noch am Anfang und wird noch einige Hürden zu bewältigen haben. Die Forschung befindet sich hier allerdings auf einem guten Weg. So sind offenbar Nachhaltigkeit und die Sicherung von Gesundheit und Hygiene miteinander vereinbar.
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Durch ein steigendes Verbraucherbewusstsein für Umwelt, Tierwohl und Gesundheit greifen Konsumenten immer häufiger zu Fleischersatzprodukten. Soja, Erbse, Jackfruit – die Basis für die Alternativen ist ganz unterschiedlich. Ein genauer Blick auf die Zutatenliste lohnt sich.

Beim Öffnen der Verpackung des „Lotao Jackfruit Currys“ strömt einem der Geruch von orientalischen Gewürzen in die Nase; ein Hauch von Schärfe. „Die neue Alternative zu Fleisch“ lockt in grüner Schrift ganz oben auf der Packung. Die durch die Marinade dunkelbraun gefärbten Fleischersatz-Stücke sind faserig und weich, und gut gewürzt. Sie erinnern an Rindfleischstücke in einem Gulasch. Aber: Es ist Jackfruit. Noch nicht allzu lang reiht sich die Tropenfrucht in die Auswahl an Veggie-Burgern oder vegetarischem Aufschnitt ein. Viel über die Frucht aus dem asiatischen Raum ist den meisten Konsumenten jedoch nicht bekannt. Dabei liefert sie wichtige Gründe für den Fleischverzicht: Tierwohl sowie gesunde und nachhaltige Ernährung.
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"Die Jackfruit ist eine Frucht, die die faserige Struktur von Fleisch hat. Sie beinhaltet keine Allergene, hat einen sehr hohen Ballaststoffanteil und sehr wenige Kalorien“, sagt Stefan Fak. Als Gründer des Unternehmens Lotao aus Berlin, das Fleischersatz aus Jackfruit anbietet, kennt er sich mit der größten an Bäumen wachsenden Frucht aus. Noch unreif geerntet ist sie weitgehend geschmacksneutral und in Salzlake eingelegt sowie als Curry oder Geschnetzeltes zubereitet erhältlich. Ein Manko ist ihr niedriger Proteinanteil. Und dass sie bereits einige Kilometer aus Bangladesch oder Thailand zurückgelegt hat, bevor sie auf unseren Tellern landet.  


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Die Jackfruits von Lotao stammen aus einer Kooperative in Indien, die Fairtrade, Bio, sowie Naturland- und Demeter-zertifiziert ist – Stefan Fak legt Wert auf eine sozial- und ökologisch nachhaltige Wertschöpfungskette. Demgegenüber stehen Monokulturen und Früchte aus nicht zertifiziertem Anbau. Beim Kauf von Fleischersatz aus Jackfruit ist es also Aufgabe der Konsumenten, auf die Anbaubedingungen zu achten. Trotz des langen Transportweges schneide die Jackfruit in Bezug auf ihre Ökobilanz immer noch besser ab als ein Stück Fleisch, meint Hugo Lamers vom Forschungsinstitut Bioversity International in einem Interview mit dem Risolier.

Wissenschaftliche Ergebnisse zur Ökobilanz von pflanzlichen Fleischersatzprodukten gibt es bislang nur in Bezug auf Soja. So kommt eine aktuelle Studie des Bundesumweltamts zu dem Ergebnis, dass für die Produktion eines Kilogramm Fleischersatz auf Sojabasis 2,8 kg Treibhausgase ausgestoßen werden. Zum Vergleich: Für Schweinefleisch liegt der Wert bei 4,1 kg, für Geflügel bei 4,3 kg und für ein Kilogramm Rindfleisch sogar bei 30,5 kg.
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Immer mehr Fleischalternativen wie die Jackfruit – auf deutsch auch Jakobsfrucht genannt – landen heutzutage in unseren Einkaufskörben. Nur noch 26 Prozent der Befragten aus einer aktuellen Forsa-Studie essen täglich Fleisch oder Wurst, 2015 war dies noch bei 34 Prozent der Fall. Knapp die Hälfte hat schon mal zu vegetarischen Alternativen gegriffen. Der durchschnittliche Fleischverzehr eines Deutschen liegt trotzdem noch immer bei 60 Kilogramm pro Jahr. Das ist aus Sicht der Deutschen Gesellschaft für Ernährung weder gesund noch nachhaltig. Ein häufig genannter Grund, nicht auf Fleisch verzichten zu wollen, ist das Fehlen wichtiger Nährstoffe für den Körper.


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„Fleisch enthält wertvolle Nährstoffe wie hochwertiges Protein, die Mineralstoffe Eisen, Zink und Selen sowie B-Vitamine wie Vitamin B12“, weiß Silke Restemeyer, Pressereferentin bei der Deutschen Gesellschaft für Ernährung e.V. „Als Teil der vollwertigen Ernährung kann eine kleine Menge Fleisch die Versorgung mit lebenswichtigen Nährstoffen erleichtern. Dafür reicht eine wöchentliche Menge von insgesamt 300 Gramm für Erwachsene mit niedrigem Kalorienbedarf aus“. Beim Verzicht auf Fleisch stellt eine ausgewogene und abwechslungsreiche ovo-lacto-vegetarische Ernährung mit Milch- und Milchprodukten, Eiern, Gemüse und Hülsenfrüchten, Obst, Vollkornprodukten, Nüssen und Samen die Versorgung mit allen wichtigen Nährstoffen sicher.
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Fleischersatzprodukte zählt Restemeyer an dieser Stelle zunächst nicht auf. Denn einige dieser im Handel erhältlichen Lebensmittel enthalten Aromen, Geschmacksverstärker oder Konservierungsstoffe; laut Restemeyer „ernährungs-physiologisch daher nicht besonders günstig zu bewerten“. Wieder ist der Konsument gefordert, der eher zu „Produkten greifen sollte, die eine kürzere Zutatenliste haben und nicht so stark verarbeitet sind. Und natürlich: Auf Lebensmittel zurückgreifen, die regional angebaut sind – wie Lupinen- oder Erbsenproteine“, ergänzt sie.  

Diese Leckereien gehören zum Angebot des Unternehmens amidori aus Bamberg. Mithilfe eines vom Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung (IVV) entwickelten Verfahrens stellen sie Fleischersatz auf der Basis von Erbsenproteinen her; ein Gegentrend zu langen Zutatenlisten, der niedrigen Akzeptanz gegenüber Soja, oder außerhalb der EU gewonnenen Rohstoffen. „Es ist unser Anspruch, daran zu forschen, wie wir Fleischersatz nachhaltiger gestalten können. Zum Beispiel: Pflanzenrohstoffe verwenden, die hier auf dem Feld wachsen. Lupine ist da eine super Möglichkeit“, erklärt Raffael Osen, Abteilungsleiter Verfahrensentwicklung beim Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung in Freising. Die Hülsenfrucht mit 40 Prozent Proteinanteil lässt sich regional und auf nährstoffarmen Böden anbauen. Ähnlich wie die Erbse, die seit 2015 die Basis für die Pflanzenproteine von amidori ist.
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Gerade bei Betrachtung des heimischen Anbaus dieser Früchte wird der Unterschied zum Fleisch deutlich. Denn „normalerweise wird auf diesen Flächen Kraftfutter für Tiere angebaut, wo sieben Kilogramm Pflanzenprotein benötigt werden, um ein Kilogramm Rindfleisch zu bekommen“, weiß Osen. Durch den Metabolismus der Tiere gehen nutzbare Proteine verloren, während mehr Treibhausgase ausgestoßen werden – teilweise sogar die zehnfache Menge gegenüber der Herstellung von Fleischersatz. „Aber wenn man die Saaten direkt nutzt, sich die Proteine rauszieht und sie zum Beispiel für Fleischalternativen verwendet, hat man den Umweg über das Tier nicht“, ergänzt Osen. Er ist sich sicher: „Nur so ist es machbar, die Ernährung unserer Gesellschaft auf lange Zeit sicherzustellen.“

Eine ausgewogene Ernährung ist und bleibt wichtig; idealerweise möglichst saisonal und regional. Für die Kombination verschiedener pflanzlicher Proteine kommen ernährungsphysiologisch betrachtet auch Fleischersatzprodukte in Frage. Im Vergleich zu Fleisch haben sie zudem fast immer eine bessere Ökobilanz. Im Sinne der Nachhaltigkeit und der Gesundheit ist in diesem Feld aber noch lange nicht alles forscht. „In den nächsten zehn, zwanzig Jahren haben wir noch genügend Aufgaben“, stellt Raffael Osen fest. „Aber es ist ein toller Ansporn zu wissen, dass wir an einem so wichtigen Thema arbeiten.“
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Die Energiewende fordert Klimaneutralität bis 2050. Aus Kohle und Öl will man aussteigen. Doch was machen, wenn die Sonne nicht scheint und kein Wind weht? Eine mögliche Lösung: Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen.

Die gesamte Energie für das eigene Haus produzieren: Davon träumen viele Menschen nicht nur aus ökologischen, sondern auch aus ökonomischen Gründen. Neben Photovoltaik oder Windanlagen gibt es eine weitere Möglichkeit: Kraft-Wärme-Kopplung kurz KWK. Denn Blockheizkraftwerke erzeugen gleichzeitig Strom und Wärme. Ein Verbrennungsmotor treibt hierbei einen Stromgenerator an. Die anfallende Abwärme wird dann für die Heizung und das Warmwasser genutzt.
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Fünf Kilowatt für Mehrfamilienhäuser

Der "Dachs" von SenerTec.
Der "Dachs" von SenerTec.
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Das in Schweinfurt ansässige Unternehmen SenerTec stellt genau solche KWK-Anlagen her, kurz und bündig „Dachs“ genannt. Mit über 37.000 verkauften Anlagen ist das 1996 gegründete Unternehmen, nach eigenen Angaben, im europäischen Markt führend für Leistungen von fünf Kilowatt. Das genügt für Mehrfamilienhäuser.

Hagen Fuhl, Leiter der Kommunikation bei SenerTec, ist sich sicher: „Eine KWK-Anlage ist wirtschaftlich, umweltfreundlich und Partnerin der erneuerbaren Energien. Denn wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht, übernimmt die Anlage die notwendige Lieferung von Wärme und Strom für das ganze Haus und das eigene E-Auto.“ Mit einer KWK-Anlage könne bis zu 50 Prozent Kohlendioxid und 36 Prozent fossiler Brennstoff eingespart werden.

Quelle Bilder: SenerTec Kraft-Wärme-Energiesysteme GmbH
Der "Dachs" von SenerTec.
Der "Dachs" von SenerTec.
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Aktuell wird jede zweite Anlage mit dem Brennstoff Gas betrieben, wie der KWK-Evaluierungsbericht des Bundeswirtschaftsministeriums 2019 zeigt. Da die Bundesregierung die Verwendung von Öl und Kohle drastisch reduzieren möchte, ist die Tendenz hier steigend. Erdgas eignet sich aufgrund des großen bestehenden Netzes zur breiten Versorgung, und biete laut Fuhl eine gute Versorgungssicherheit. Dagegen wird für die Kraft-Wärme-Kopplung nur zu gut einem Fünftel Biomasse eingesetzt. Laut Sabine Gores vom renommierten Freiburger Öko-Institut sei die Biomasse eher im industriellen Bereich gut aufgehoben. Dort seien regelbare Erzeugnisse wichtig und es müssten Emissionen gesenkt werden. Außerdem sei Biogas in der Gewinnung wesentlich kostspieliger als Erdgas.
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Allerdings ist Erdgas ein fossiler Brennstoff, weshalb auch hier noch große Mengen an CO2 ausgestoßen werden. Um 2050 das Ziel der Klimaneutralität zu erreichen, muss auf lange Sicht ein neuer Energieträger gefunden werden. Hier kommt klimaneutraler Wasserstoff ins Spiel. Über Elektrolyse-Prozesse kann dieses Gas mit Überschussenergie aus Photovoltaik und Wind erzeugt werden. Dieser Wasserstoff soll dann in das bereits bestehende Erdgasnetz eingebracht werden, sodass das Netz sukzessive dekarbonisiert wird. So solle laut Fuhl das Erdgasnetz immer grüner werden. Und genau dieser grüne Wasserstoff werde dann als Brennstoff für KWK-Anlagen verwendet. Da die Menge des Überschussstroms aus Deutschland hierfür aber wohl nicht ausreichen würde, wären noch große Mengen an Import nötig. Das würde die Klimaneutralität wieder stark einschränken.
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In Brennstoffzellen findet Wasserstoff auch heute schon Verwendung. Der Wasserstoff reagiert hierbei mit einem Oxidationsmittel, wie Sauerstoff. Die entstehende Reaktionsenergie wird in elektrische Energie umgewandelt. Nebenbei wird zudem noch ein geringer Teil Wärmeenergie freigesetzt. Deshalb eignen sich solche Zellen eher für Ein- oder Zwei-Familienhäuser, da hier der Wärmebedarf nicht so groß ist. Die Firma SenerTec entwickelt in Zusammenarbeit mit zwei Hochschulen und dem Stadtwerk Haßfurt einen sogenannten „Wasserstoff-Dachs“.

Hierbei besteht die Herausforderung, dass gerade am Anfang ein sehr geringer Anteil an Wasserstoff ins Gasnetz gemischt wird. Die Anlage soll sich ohne manuelle Einstellungen automatisch auf diesen Wasserstoffanteil anpassen und so immer die bestmöglichen Wirkungsgrade unter Einhaltung der Emissionsgrenzwerte erreichen. Hagen Fuhl ist sich sicher: „Damit wäre der Dachs komplett klimaneutral. Dafür arbeiten wir heute schon an der Zukunft des emissionsfreien Gebäudebestandes.“ So soll der „Dachs“ bereits in ein paar Jahren in einer neu gebauten Schule in Haßfurt eingesetzt werden, da die Stadt hier ihr Gasnetz bereits mit Wasserstoff speist.
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Allerdings sollen KWK-Anlagen nicht mehr, wie zurzeit üblich, auf Dauerbetrieb laufen. Sabine Gores kritisiert die Inflexibilität größerer Anlagen mit mehreren 100 Megawatt: „Derzeit laufen solche Anlagen, auch wenn Erneuerbare gerade wegen Netzengpässen abgeregelt werden. Der Betrieb erfüllt damit zum Teil vertragliche Versorgungsaufträge, er folgt aber auch verschiedenen ökonomischen Anreizen und betriebstechnischen Abwägungen.“ Da bräuchte es verbesserte Anreizsysteme, sodass regelbar betriebene Anlagen das Angebot der fluktuierenden Erneuerbaren Energien zukünftig ausschließlich ergänzen.

Es sollten demnach Anlagen gebaut werden, die regulierbar sind. „Wir brauchen Anlagen, die nach links und rechts schauen und dann liefern, wenn kein Strom und keine Wärme von den erneuerbaren Energien kommt“, so Gores. Ähnlich sieht das Fuhl: „Die KWK hilft, die Schwankungen der Erneuerbaren auszugleichen. Damit kann die Versorgungssicherheit in Deutschland auch dauerhaft gewährleistet werden“.
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Laut KWK-Evaluierungsbericht des Bundeswirtschaftsministeriums werden schon heute 19 Prozent des deutschen Gesamtstrombedarfs durch KWK sichergestellt. KWK-Anlagen eignen sich beispielsweise gut für dichte Siedlungsgebiete. Bei Neubaugebieten biete sich an, ein Wärmenetz zwischen mehreren Häusern aufzubauen, so Clemens Galonska von der Umweltstation Würzburg. Wenn zu viel Wärme vorhanden sei, könne diese über ein vorhandenes Nahversorgungsnetz zu anderen Gebäuden, wie Altenheimen oder Schwimmbädern, gelangen. „Dadurch können wir gerade in der Städteplanung eine hohe Energieeffizienz erreichen“, meint Galonska.
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Obwohl die Förderung für KWK-Anlagen in Deutschland sehr gut ist, zögern viele Haushalte noch, sich eine solche anzuschaffen. Viele seien von der Flut an Regularien und Vorschriften verunsichert. Hagen Fuhl appelliert an die Politik: „Wir brauchen Planbarkeit. Gesetze und Regularien müssen einen längeren Bestandscharakter haben und sie müssen transparenter, einfacher und verständlicher werden.“ Denn KWK-Anlagen werden zukünftig, nachdem Kohle und Öl vom Markt verschwunden sind, eine wichtige Rolle übernehmen. „Die Qualität der KWK ist die Regelbarkeit und die müssen wir ausnutzen“, so Sabine Gores. Hagen Fuhl ist sich sicher: „Die Kraft-Wärme-Kopplung und damit auch die Brennstoffzelle sind die Zukunft der Energieversorgung.“
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Die Baubranche verursacht massenweise CO2-Emissionen. Mit neuen Baustoffen könnte sie aber nachhaltiger werden.  

„Wenn wir Baustoffe in einer kritischen Menge produzieren und verwenden, ist es irgendwann nicht mehr nachhaltig. Dann ist es einfach zu viel“, sagt Hermann Achenbach, Leiter der Forschungsgruppe „Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft“ beim Kunststoffzentrum (SKZ) in Würzburg. Wird weiterhin so viel Beton eingesetzt wie bisher, führt das zu akutem Mangel an Ressourcen wie Sand und Kies. Der weltweite Bedarf an Sand und Kies für die Betonproduktion wird nach aktuellen Forschungen der TU Dresden auf 15 Milliarden Tonnen jährlich geschätzt. Kein anderer Werkstoff ist damit für so große Rohstoffentnahmen und hohe CO2-Emissionen verantwortlich wie Beton und sein Hauptbestandteil Zement.
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Das wirkt sich auch auf die Klimabilanz des Rohstoffs aus: Weltweit ist die Zementproduktion laut des europäischen Zementverbands Cembureau für etwa fünf Prozent der CO2-Emissionen verantwortlich. Dem Verein Deutscher Zementwerke zufolge entstanden in Deutschland im Jahr 2015 0,56 Tonnen CO2 pro Tonne Zement. Aber die Suche nach nachhaltigen Alternativen hat begonnen. Seit 2014 läuft das C³-Projekt über Carbonbeton an der TU Dresden mit rund 160 Partnern, darunter dem SKZ. Das SKZ forscht neben Carbonbeton an holzbasierten Kunststoffen und Rohren aus Industrieabfällen, die ebenfalls im Baubereich Anwendung finden.
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Carbon besteht aus Kohlenstofffasern auf Erdöl-Basis, die zu einem Garn versponnen werden. Die Garne werden weiter zu Matten oder stabförmigen Bewehrungen verarbeitet. Die Bewehrungen, die Gitterstäben ähneln, verstärken Betonbauteile, um deren Tragfähigkeit zu erhöhen. Laut Dr. Matthias Lieboldt, Projektmanager des C³-Projekts an der TU Dresden, werden die Carbonbewehrungen anschließend mit einer Tränkung versehen. Damit werde die Haftung zwischen der Bewehrung und dem Beton verbessert. Lieboldt betont, dass bei Herstellung, Transport und Einbau der Carbonbewehrungen Vorsicht geboten ist, denn die Fasern können brechen.
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Eine Stahlbewehrung im Beton fängt durch Umweltein-wirkungen mit der Zeit an zu rosten: Das Bauteil versagt. Um die Stahlbewehrung lange zu schützen, wird sie mit einer großen Menge an Beton umhüllt, dem Korrosionsschutz. Carbon dagegen kann nicht korrodieren. Der Vorteil: Weniger Korrosionsschutz ist notwendig, die Betonmenge wird reduziert. Carbon ist etwa viermal leichter als Betonstahl. Zugleich halten Carbonfasern einer sechsfachen Zugbelastung stand. Durch diese Kombination entsteht laut Lieboldt theoretisch eine 24-mal höhere Leistungsfähigkeit.  


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Zudem benötigt Carbonbeton weniger Ressourcen als Stahlbeton und die Bewehrung ermöglicht freies Konstruieren. Konstruktionen werden dünner und filigraner. Durch die Reduzierung der Bauteildicke wird jedoch die Schall- und Wärmedämmung negativ beeinflusst. Carbonbeton eigne sich zur Instandsetzung von Gebäuden, finde aber auch im Neubau Anwendung, so Lieboldt. Aber noch liegen für Carbonbauten keine Normen vor, wodurch besondere behördliche Zustimmungen notwendig sind.
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Für die Herstellung von Carbon wird der fossile Rohstoff Erdöl genutzt. Es wird daran geforscht, stattdessen den Holzbestandteil Lignin, der vor allem bei der Papierproduktion als Abfallstoff anfällt, oder Algenöle einzusetzen. Die Herstellung einer Tonne Carbonbewehrung verursacht 12,83 Tonnen CO2, wie die neuste Studie der TU Dresden zeigt. Das ist acht bis 15-mal höher als bei Betonstahl. Dennoch: „Der massenbezogene CO2-Emmissionsfaktor der Carbonbewehrung ist im Vergleich zu einer Stahlbewehrung zwar höher, aber durch die wesentlich geringere Dichte und die höhere Tragfähigkeit von Carbon wird wesentlich weniger Masse an Bewehrung benötigt“, erklärt Lieboldt.

Die nicht korrosionsanfällige Bewehrung führe außerdem zu einer längeren Lebensdauer. Laut Lieboldt wird CO2 hauptsächlich dadurch reduziert, dass weniger Beton benötigt wird, um die Bewehrung zu schützen. Im Vergleich zu Stahlbeton können so bis zu 80 Prozent an Beton eingespart werden. Die Nutzungsdauer von Carbonbetonbauten wird auf 200 Jahre geschätzt. Ein Nachteil: Carbon ist etwa 15-fach teurer als Stahl. Dafür lässt sich Carbonbeton besser recyceln.
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Laut Hermann Achenbach vom SKZ ist Holz eine Alternative im Baubereich. Dabei würden keine riesigen Mengen an Steinen und Beton benötigt. Das sei für die Ökobilanz sehr positiv, so Achenbach. Es wird auch nach noch nachhaltigeren Bauteilen gesucht. Das SKZ forscht an sogenannten Wood-Plastic-Composites-Kunststoffen, kurz WPC, bei denen Holz mit Kunststoff kombiniert wird: „WPC hat im Vergleich zu typischem Vollkunststoff eine geringere thermische Ausdehnung und nimmt mehr Wasser auf. Mit bis zu 80 Prozent Holzanteilen ist der Vorteil, dass nachwachsende Rohstoffe verwendet werden“, so Achenbach. WPC-Produkte kommen im Baubereich, zum Beispiel als Terrassendielen, sowie im Spielzeugbereich zum Einsatz.
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Das SKZ hat Terrassendielen aus WPC und aus Holz miteinander verglichen: „Wenn man einheimisches Holz nimmt, dessen Nutzungsdauer geringer ist als von WPC, ist die Ökobilanz besser. Trotz des vielen Holzes im WPC Kunststoff hat man immer noch eine schlechtere Ökobilanz durch den Kunststoff, der nötig ist“, so Achenbach. Die Nutzungsdauer ist noch nicht bekannt und wird am SKZ in Langzeitversuchen erforscht. WPC-Produkte sind wiederverwertbar, haben jedoch durch lange Nutzungsdauern hohe Rücklaufzeiten. Trotz der möglichen Mehrfachverwendung der WPC-Kunststoffe sei heimisches Holz die ökobilanziell positivere Variante, resümiert Achenbach.
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Das SKZ entwickelt zudem Rohre aus Industrieabfällen. Dabei werden Abfälle von Unternehmen aus der Rohrbranche zurückgeführt, Fremdmaterial ist nicht zugelassen. Es fehlt an Normungen für den Einsatz anderer Abfallprodukte, der laut Achenbach prinzipiell denkbar wäre. Die Eigenschaften der Rohre müssen denen von Neuware entsprechen. Das SKZ ist auf den Einsatz von Recyclingprodukten, sogenannten Rezyklaten, im Abwasserbereich spezialisiert. Abwasserrohre bestehen aus drei Schichten. Die Mittlere kann laut Achenbach durch Rezyklate ersetzt werden.
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Diverse Projekte am SKZ versuchen, Recyclingprodukte stärker in die Kreislaufwirtschaft einzubinden. Aktuell wird laut Achenbach an einer Anwendung geforscht, mit der Abfälle gescannt werden. Anschließend wird dem Anwender aufgezeigt, wie er diese weiterverarbeiten kann. Die vorgestellten Baustoffe bieten Möglichkeiten, die Baubranche nachhaltiger zu gestalten. Jedoch ist es wichtig, dass sie wieder in den Kreislauf zurückgeführt und nicht in extrem hohen Mengen produziert werden.
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Klimawandel und zunehmende Nutzung verknappen das Trinkwasser. Neue Methoden sollen dem drohenden Wassermangel vorbeugen.  

In Mitteleuropa braucht der Mensch täglich gut zweieinhalb Liter Wasser, in heißen Wüstengegenden oder in Regionen der trockenen Arktis sogar zwischen acht und 15 Liter. Ohne Wasser ist also kein Leben möglich. Vor etwa 3,5 bis vier Milliarden Jahren entwickelte sich auf der Erde aufgrund von Wasser Leben. Um genügend Nahrung zu bekommen, sind wir auf ein ausreichendes Angebot an Trinkwasser angewiesen. Doch obwohl die Erdoberfläche zu 70 Prozent mit Wasser bedeckt ist, beginnt für den Menschen das notwendige Gebrauchswasser, nämlich Süßwasser, knapp zu werden.
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Die wachsende Weltbevölkerung sowie Urbanisierung und Industrialisierung haben den Wassermangel in vielen Ländern zusätzlich verschärft. Über zwei Milliarden Menschen weltweit haben keinen regelmäßigen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Gleichzeitig steigt der Wasserverbrauch jedes Jahr um ein Prozent und ist heute sechs Mal so groß wie vor 100 Jahren. Auch der Klimawandel habe Auswirkungen auf die Verfügbarkeit von Wasserressourcen, wie Jörg E. Drewes, Professor am Lehrstuhl für Siedlungswasserwirtschaft an der TU München, erklärt: „Selbst im Freistaat Bayern, der eigentlich wasserreich ist, sehen wir Grundwasserspiegel, die fallen – und zwar flächendeckend“.
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Wasserproben werden bei DyeNA Genetics untersucht.
Wasserproben werden bei DyeNA Genetics untersucht.
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Eine wesentliche Herausforderung in naher Zukunft ist daher die Bereitstellung von Technologien, mit denen sich die Menge des brauchbaren Wassers erhöhen lässt – entweder durch die vermehrte Gewinnung von sauberem Trinkwasser aus dem Meer oder durch die Aufbereitung von benutztem oder verunreinigtem Wasser.

Thomas Benkert, Biochemiker im Bereich molekulare Genetik, entwickelt mit seinem in Schweinfurt ansässigen Unternehmen DyeNA Genetics Testsysteme, die speziell in der mikrobiologischen Abwasseranalytik eingesetzt werden. Mithilfe der quantitativen Real-Time PCR (kurz: qPCR), einer Vervielfältigungsmethode für Nukleinsäuren, können dabei lebende und tote Bakterien in Abwasserproben präzise bestimmt werden.

Quelle Bilder: Oliver Mauder
Wasserproben werden bei DyeNA Genetics untersucht.
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Durch den Klimawandel und die verringerte Niederschlagsmenge wird die Ressource Wasser laut Benkert in Zukunft sehr viel wichtiger werden: „Deswegen ist für uns das Thema Nachhaltigkeit ziemlich wichtig. Durch unsere Analysetestsysteme können wir Kläranlagenbetreibern Hilfsmittel und Möglichkeiten an die Hand geben, die Mikrobiologie in ihrer Anlage besser zu beurteilen. Dies führt dazu, dass bestmöglich geklärtes Abwasser in die Gewässer eingeleitet wird“.
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Die Real-Time PCR wird dabei eingesetzt, um schnell zuverlässige, präzise Ergebnisse zu erzielen. Das ist auch der Fall in der aktuellen Corona-Pandemie, in der das neue Coronavirus (SARS CoV-2) beim Menschen mit dieser Methode nachgewiesen wird. In den Niederlanden konnten Forscher das Virus im Abwasser einer Gemeinde nachweisen, noch bevor erste klinische Symptome und Infektionsfälle gemeldet wurden.

Da der Nachweis des Virus somit als eine Art Frühwarnsystem genutzt werden kann, hat DyeNA Genetics ein SARS CoV-2 qPCR Testsystem speziell für die Abwasseranalytik entwickelt. Die Messung der Viruslast im Abwasser kann auch dazu beitragen, die Dunkelziffer der mit dem Virus erkrankten Personen besser bewerten zu können. „Das ist sozusagen ein doppeltes System, was ziemlich vorteilhaft ist“, so Benkert.
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Neben der Unsicherheit über die Verfügbarkeit von Wasserressourcen nimmt die Zahl an Schadstoffen, die ins Abwasser gelangen, kontinuierlich zu. Lange Zeit konnte man es sich leisten, Abwässer im Boden versickern zu lassen oder in den nächstgelegenen Fluss oder See einzuleiten. Mit fortschreitender Industrialisierung und wachsender Bevölkerungsdichte führte dieses Verhalten jedoch zu einer stetig steigenden Belastung der Oberflächengewässer.  

Im Wesentlichen hängt es von den Privathaushalten, Krankenhäusern, der Industrie und nicht zuletzt von der Landwirtschaft ab, wie mit Trink- und Brauchwasser umgegangen wird und wie es nach der Benutzung verunreinigt wird. „Es gibt viele pharmazeutische Reststoffe, Antibiotikaresistenzen oder Mikroplastik, von denen wir noch nicht wissen, was es eigentlich bedeutet, wenn sie in der Umwelt sind“, so Professor Drewes von der TU München.
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Doch wie sehen Lösungen für Wasserkreisläufe in der Zukunft aus? Aufgrund der im Abwasser gebundenen chemischen Energie können organische Stoffe beispielsweise in Biogas umgewandelt und verstromt werden. „Tatsächlich gibt es heute schon Anlagen, die 100 Prozent ihres Eigenbedarfs aus dem Biogas, das aus dem Abwasser gewonnen wird, decken“, so Drewes. Da die Aufbereitung von Wasser und Abwasser sehr viel Energie benötigt, lassen sich somit Potenziale der Energierückgewinnung nutzen.

Grundsätzlich sollte man sich darüber im Klaren sein, dass Randbedingungen wie der Klimawandel, die zunehmende Urbanisierung und Industrialisierung das derzeitige Abwassersystem vor erhebliche Herausforderungen stellen. Es müssen Alternativen und Lösungen bereitgestellt werden, indem Wasserkreisläufe partiell geschlossen oder Programme zur Wasserrückführung und Wasserrecycling eingeführt werden. Ein erster Schritt dahingehend ist sich des Problems bewusst zu werden und Maßnahmen sowohl in der Industrie als auch bei jedem einzelnen einzuleiten.
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Recyclefähige Verpackungen

Aufgrund gesetzlicher Vorgaben stehen Unternehmen vor der Herausforderung, Verpackungen recyclingfähig zu gestalten. Um dies zu erfüllen, müssen sie geprüft und optimiert werden. Unterstützung leisten findige Hersteller sowie Forschungs- und Zertifizierungsinstitute.

Umweltverschmutzung und überflüssiger Müll – Verpackungen haben ein schlechtes Image. Unverpackt-Läden gewinnen deshalb an Beliebtheit. Joachim Christiani ist Geschäftsführer des Aachener Instituts für Recycling und Produktverantwortung cyclos-HTP. Laut ihm entspreche Abfallvermeidung nicht unserer Gesellschaftsstruktur. „Der Fokus muss auf der Optimierung von Verpackungen liegen, um deren Recyclingfähigkeit zu steigern“, sagt Christiani.
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Kaum ein Produkt kommt ohne Verpackung in den Handel. Sie schützt bei Lagerung, Transport und Verkauf. Zudem liefert sie Informationen zum Produkt, zu dessen Gebrauch oder Inhaltsstoffen. Laut Umweltbundesamt stieg die Menge der Verpackungsabfälle bereits 2017 auf den seither höchsten Stand von 18,7 Millionen Tonnen. Die Zahl der genutzten Kunststoffverpackungen hat sich in den vergangenen 20 Jahren mehr als verdoppelt. Gründe dafür sind unter anderem mehr Singlehaushalte und der vermehrte Gebrauch von Fertigprodukten.
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Um Verpackungen nachhaltiger zu gestalten und Stoffkreisläufe zu schließen, gilt seit 2019 in Deutschland das Verpackungsgesetz (VerpackG). Wenn sich Hersteller, Händler und Importeure bei der Stiftung Zentrale Stelle Verpackungsregister registrieren und sich dualen Systemen anschließen, sind Rücknahme und Verwertung von Verpackungen garantiert. Duale Systeme wie beispielsweise der Grüne Punkt organisieren die Sammlung, Sortierung und Verwertung von Verpackungen.

Außerdem schreibt das Gesetz höhere Recyclingquoten für Verpackungen vor, die in Deutschland auf den Markt gebracht werden. Ab 2022 sollen 90 Prozent der Verpackungen aus Glas, Aluminium, Eisenmetallen sowie Papier, Pappe und Karton recycelt werden. Bei Kunststoffverpackungen liegt die vorgeschriebene Recyclingquote dann bei 63 Prozent.
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„Primär wirkt das Verpackungsgesetz auf die dualen Systeme, die nun die Verpflichtung haben, für Hersteller und Inverkehrbringer Verpackungen ordnungsgemäß zu entsorgen“, sagt Verpackungsingenieur Christiani. Seit Inkrafttreten sind jedoch nicht nur dort Veränderungen zu beobachten. Die Hersteller standen durch das Gesetz vor großen Herausforderungen. „Die Umstellungsprozesse sind sehr komplex. Teilweise bedingt die Strukturänderung technische Änderungen in ganzen Abfüllketten.“ Zudem waren auch das EU-Kreislaufwirtschaftspaket sowie ein allgemeiner, medialer Trend von nachhaltigen Verpackungen Gründe, die Unternehmen zum Umdenken bewegt haben.
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Das Aachener Institut für Recycling und Produktverantwortung cyclos-HTP unterstützt Hersteller bei der Beurteilung der Recyclingfähigkeit von Verpackungen. Als Grundlage hat das Institut einen Anforderungs- und Bewertungskatalog erstellt. Wie Christiani erklärt, simuliert cyclos-HTP den realen Recyclingprozess und kann so bilanzieren, wie recyclingfähig eine Verpackung ist. Damit wird einerseits der Status der „Kreislauffähigkeit“ bestimmt. Andererseits liefert die Simulation auch Informationen, wie Verpackungen konkret verbessert werden können.
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Dass sich einige Verpackungen schwer recyceln lassen, liegt an verschiedenen Faktoren. Das Problem ist häufig die Materialzusammensetzung. Werden Multi-Layer-Strukturen verwendet, das heißt mehrere Materialien in mehreren Schichten untrennbar kombiniert, ordnet die Sortieranlage die Verpackung meist nur einem Material zu.

Ein weiteres Problem liegt in den Etiketten. Sind sie zu groß, wird die ganze Verpackung nach dem Material des Etiketts sortiert. Eine PET-Flasche mit großem PVC-Etikett etwa würde nicht als PET-Flasche erkannt, sondern als PVC aussortiert werden. Die recyclebare Verpackung geht verloren. Auch die Farbe von Verpackungen kann Recycling verhindern. Gerade bei schwarzen Hüllen mit traditioneller Ruß-Pigmentierung ist das problematisch, da sie bei der Sortierung nicht reflektieren. Das Nah-Infrarot-Gerät, das Verpackungsmaterialien erkennt, empfängt kein Signal und wertvolle Materialien gehen verloren.
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Wie Verpackungen konkret verbessert werden können, zeigt die Software EasyD4R, die der Konsumgüterhersteller Henkel 2019 entwickelt hat. Hiermit können Verpackungen schon während des Designprozesses hinsichtlich ihrer Recyclingfähigkeit beurteilt werden. „Wir hinterfragen bestehende Verpackungen und überprüfen schon früh im Innovationsprozess, ob neue Verpackungen nachhaltig und recyclingfähig gestaltet sind“, so Colin Zenger, der bei Henkel an nachhaltigen Verpackungen für Wasch- und Reinigungsmittel arbeitet.
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Um Verpackungen auf ihre Recyclingfähigkeit zu überprüfen, fragt EasyD4R Informationen zu den einzelnen Materialzusammensetzungen einer Verpackung ab. Dabei spielen Komponenten wie Verschluss, Flasche, Etikett, Klebstoff und Farbe eine Rolle. Konkret war EasyD4R zum Beispiel Initialzündung für die Färbung einer Waschmittel-Flasche mit dem Alternativ-Farbstoff carbon-free black. Trotz der dunklen Pigmentierung ist sie damit recyclingfähig.

Ein weiteres Beispiel sind Flaschen mit trennbaren Full-Sleeve-Etiketten, die Verpackungen wie eine zweite Haut umschließen und ohne Klebstoff halten. Durch eine Perforation können Kunden diese Hülle abziehen, sodass die Verpackung ohne störende Elemente recycelt werden kann. Zenger erläutert, warum Henkel die Software öffentlich zu Verfügung stellt: „Henkel möchte mit dem Programm die Kreislaufwirtschaft voranbringen – nicht nur auf Unternehmensebene, sondern auch entlang der gesamten Wertschöpfungskette.“
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Im internationalen Vergleich befindet sich die Wertschöpfung in Deutschland auf einem hohen Niveau. Die Diskussion über recyclingfähige Verpackungen ist selten eine Diskussion über Glas, Metall oder Pappe. Im Fokus steht der Kunststoff und wie man ihn vermeiden kann. Grund dafür ist laut Christiani, dass die Kreislaufführung bei Kunststoff nicht so ausgeprägt sei, dass er in der Öffentlichkeit als Wertstoff wahrgenommen werde. „Wir müssen recyclinggerecht designen, eine Infrastruktur gegen ungeregelte Entsorgung schaffen und“, so fordert der Wissenschaftler, „Kreisläufe etablieren.“
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Plastik-Alternativen

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Bioplastik – seine Stärken, seine Schwächen

Ein Delfin, sein Maul voll mit Müll, eine Sprechblase: „Wir haben die Schnauze voll!“  Das Bild auf einem Plakat des World Wide Fund for Nature (WWF) spielt auf den immensen weltweiten Plastikverbrauch und seine Folgen für die Umwelt an. Ein Lösungsansatz: Bioplastik.

Drei Viertel des Mülls, welcher in den Weltmeeren schwimmt, bestehen laut WWF aus Plastik. Und jedes Jahr kommen zwischen 4,8 und 12,7 Millionen Tonnen dazu. Das entspricht ungefähr 75 voll beladenen Containerschiffen. Dass Kunststoff sich so langsam zersetzt und nicht verrottet, macht die Situation noch schlimmer. Und: Plastik zerfällt in Mikroplastik und landet über die Nahrungskette im menschlichen Körper.
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Einfach komplett auf Plastik zu verzichten ist momentan noch keine Lösung. In der Medizin hilft es, hygienische Standards einzuhalten und auch als Verpackung für verderbliche Lebensmittel ist es wichtig. Aber möglicherweise kann schon bald immer mehr herkömmliches Plastik durch ‚Bioplastik‘ ersetzt werden. Einen Markt dafür gibt es bereits.
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Beim Begriff Biokunststoff gilt es zu unterscheiden: So gibt es die biobasierten Kunststoffe und die biologisch abbaubaren. Das biobasierte Plastik besteht aus nachwachsenden Rohstoffen, ist also nicht erdölbasiert. Das biologisch abbaubare Plastik kann erdölstämmig sein, ist aber dennoch biologisch abbaubar. Polyactid (PLA), auch als Polymilchsäure bekannt, ist beides: biobasiert und biologisch abbaubar. Das klingt perfekt: Ein Plastik, das auf erneuerbare Ressourcen zurückgreift und sich biologisch abbauen lässt.

Doch ganz so einfach ist das nicht. Drei Aspekte sind kritisch: Weil zur Herstellung meist stärkehaltige Pflanzen, wie Mais oder Zuckerrohr, benötigt werden, konkurriert es mit der Nahrungs- und Futtermittelindustrie. Außerdem lässt es sich nicht so leicht abbauen wie von der Industrie dargestellt wird und seine Herstellung ist, im Vergleich zum herkömmlichen Plastik, zu teuer, um wettbewerbsfähig zu sein.

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Dr. Albrecht Läufer hat dennoch eine Alternative gefunden, die diese Hürden überwindet. Der Geschäftsführer der Kölner Firma BluCon Biotech entwickelte mit seinem Team ein Verfahren für die kostengünstige Herstellung von Milchsäure, die der späteren Produktion von PLA dienen soll. Hierfür sind keine Primärrohstoffe nötig, sondern ausschließlich Reststoffe land- und forstwirtschaftlicher Betriebe. Das Argument der Konkurrenz zum Futter- und Nahrungsmittelmarkt scheint damit entkräftet. Zudem sei sogenannter Reststoff-PLA preiswert. Läufer erklärt den Zusammenhang:
“PLA ist ein Plastik, das nur aus dem Grund nicht weiter in den Markt gekommen ist, weil der Rohstoff Milchsäure noch zu teuer ist, um ein Plastik daraus herzustellen, das mit aus Erdöl gewonnenem Plastik preislich mithalten kann.”
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Ein weiterer Vorteil des Reststoff-PLAs liegt darin, dass er sich schon nach drei bis sechs Wochen zersetzt. „Nur in Industriekompostanlagen, zuhause beim Normalverbraucher dauert es länger“, räumt Läufer allerdings ein. Seiner Ansicht nach gehe die Debatte rund um die schnelle Abbaubarkeit am eigentlichen Thema vorbei: „Was ich absolut sicher sagen kann, ist, dass dieses Zeug nicht 100 Jahre und nicht 500 Jahre in unserer Umwelt sein wird. Das ist immer abbaubar.“

Eine Verpackung, auf der “biologisch abbaubar” oder “biobasiert” steht, wecke beim Verbraucher allerdings das Gefühl, dass es nicht ganz so verwerflich sei, dieses Produkt zu kaufen und später wegzuwerfen – so der Einwand einiger Bioplastik-Kritiker. Das fördere wiederum einen verschwenderischen Umgang mit derartigen Verpackungen. Läufer entgegnet: “Wenn man dieses Plastik wegwirft, weiß ich, es entsteht kein jahrtausenderlanger Schaden."
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Elena Schägg, Sprecherin vom Arbeitskreis ‚Abfall- und Ressourcenpolitik‘ des BUND Berlin, hingegen, steht Bioplastik kritisch gegenüber. Im Kreislaufwirtschaftsgesetz gebe es eine Abfallhierarchie. „Damit hat man eine klare Rangfolge, an der man sich orientieren soll, und die Abfallvermeidung soll dabei das oberste Prinzip sein“, erklärt Schägg. Generell kritisiert der BUND an Bioplastik: Der Ersatz von Bioplastik zu konventionellem Plastik mache die Abfallberge nicht kleiner, die Entsorgung sei unklar und die Abbaubarkeit nicht gegeben. Dabei bezieht sich die Sprecherin des Arbeitskreises zusätzlich auf das Umweltbundesamt, dass nach der Analyse einiger Ökobilanzen zu den Umweltauswirkungen von Biokunststoffen im Vergleich zu konventionellen Kunststoffen “keine wirkliche ökologische Vorteilhaftigkeit” nachweisen konnte. 

Auch die Entsorgungsfrage sei noch nicht geklärt, erklärt Schägg. Würde PLA nämlich nicht fachgerecht entsorgt, könne das dazu führen, dass es aussortiert und verbrannt wird. PLA im Biomüll sei aber auch nicht sinnvoll, weil die Kompostanlagen nicht die notwendigen Temperaturen für die Zersetzung des PLA aufbringen. Sie sieht die Lösung des Abfallproblems vielmehr in der Nutzung und Förderung von Mehrwegsystemen. Falls dies nicht möglich sei, solle der eingesetzte Kunststoff zumindest recyclingfähig sein und eine korrekte Entsorgung sichergestellt werden.
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Auch die Politik könne ihren Teil hierzu beitragen. Schägg kritisiert die Zurückhaltung hinsichtlich der Abfallvermeidung und schlägt vor: „Es könnten zum Beispiel verbindliche Abfallvermeidungsziele gesetzt werden oder Wiederverwendungsquoten.“ Bislang gebe es schon eine 70-prozentige Mehrwegquote im Verpackungsgesetz für Getränkeverpackungen. Jedoch blieben Sanktionen für Marktakteure, die diese nicht einhalten, noch aus. Sie fordert hier eine Nachbesserung. Als ideales Konzept für eine nachhaltige und ressourcenschonende Gesellschaft wäre ihr vor allem wichtig, dass es Verbraucher*innen durch Politik und Wirtschaft “möglichst einfach gemacht wird, nachhaltige Entscheidungen zu treffen.“
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Prof. Dr. Ralf Pude ist Leiter des Forschungsbereichs ‚Nachwachsende Rohstoffe‘ an der Universität Bonn.
Er beschäftigt sich im Rahmen des Forschungsprojektes EFRE-FIS mit diversen nachhaltigen Verpackungen aus nachwachsenden Rohstoffen, zum Beispiel mit Graspapier zum Verpacken von Äpfeln. Äpfel in der Graspapier-Verpackung werden schon heute bei der Supermarktkette Rewe verkauft – komplett ohne herkömmliches Plastik. Und die Nachfrage nach nachhaltigen Verpackungen nimmt, laut Pude, ständig zu. Dies bedeutet sowohl Fortschritt als auch Herausforderung. Sensible Produkte, wie Fleisch, könnten nicht in nachhaltigen Verpackungen aufbewahrt werden, da diese nicht die nötige Dichte aufbringen, erklärt Pude.

In Zukunft will er mit seiner Forschung aber auch diese Lücke schließen und einen Verpackungsstoff entwickeln, der zum Beispiel antimikrobiell beschichtet sein könnte. Um die bislang recht hohen Kosten der Verpackungen aus nachwachsenden Rohstoffen macht sich der Forscher keine Sorgen, denn das würde in Zukunft “großtechnischer gemacht”. Und damit sinke wiederum auch der Preis. Prof. Pude ist zuversichtlich: “Das ist eigentlich nur noch eine Frage der Zeit, dass das konkurrenzfähig wird.”
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Es stellt sich die Frage, ob der Ersatz von konventionellem Plastik zu Bioplastik der richtige Weg ist, oder ob nicht ein grundsätzliches Umdenken in der Gesellschaft einen viel größeren Effekt für die Umwelt hätte. Würde von heute an überwiegend auf Verpackungen verzichtet werden, könnte die Schnauze des Delfins sich vielleicht eines Tages leeren.
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Upcycling: Einweggeschirr aus Naturfasern

Ab Januar 2021 ist es soweit: Das Europäische Parlament verbietet Einwegbesteck aus Kunststoff, Einweg-Plastikteller, Strohhalme und weitere Produkte aus Kunststoff.
Das Ziel: Plastikrückstände und die Kosten, die durch Umweltverschmutzung entstehen, zu reduzieren.

Rund 350.000 Tonnen Abfall für Einweggeschirr und To-Go-Verpackungen fielen 2017 laut der Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung an. Rund ein Drittel davon bestehen aus Kunststoff.


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Frau Krehl von der Verbraucherzentrale Bayern erläutert, dass bei der Produktion von Bio-Kunststoffen derzeit eine hohe Belastung für Luft und Wasser entsteht und der Energieverbrauch meist doppelt so hoch ist, als der bei der herkömmlichen Plastikproduktion.

Demnach stehen auch Plastikalternativen  bereits in der Kritik. Vermeintliche Bio-Kunststoffe aus Zuckerrohr können zum Teil nicht kompostiert werden und Einwegprodukte aus Pappe oder Papier sind nur dann empfehlenswert, wenn sie aus recyceltem Material hergestellt wurden. Dass Bio-Plastik häufig nur als solches vermarktet wird, weiß auch Julia Piechotta, Gründerin von Spoontainable:
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Laut des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirt-schaft landen allein in Deutschland rund zwölf Millionen Tonnen Lebensmittelabfälle – etwa das vierzigfache Gewicht des Kölner Doms – jährlich im Müll. Ein Drittel davon fallen bei der Produktion und Verarbeitung von Lebensmitteln an. Müll, den wir an anderen Stellen gut weiterverarbeiten könnten.

Recycling, Downcycling und Upcycling: Verfahrensweisen, deren Ziel es ist, einen dauerhaften Kreislauf zu bilden, welcher die Umwelt schont. Upcycling ist neben dem bekannten Recycling eine Form der Wiederverwertung, die eine Aufwertung von Stoffen mit sich bringt.
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Laut des europäischen Parlaments würden durch Abfallvermeidung, Wiederverwendung und ähnliche Maßnahmen pro Jahr Nettoeinsparungen von mehr als eine halbe Billionen Euro in der EU erzielen und gleichzeitig die Treibhausgasemissionen signifikant reduziert werden. Zudem würde weniger Druck auf der Umwelt lasten, die Rohstoff-versorgungssicherheit erhöht werden, die Wettbewerbs-fähigkeit würde sich steigern und viele neue Arbeitsplätze durch Innovation und Wachstum geschaffen werden. 30.000 bis 40.000 Tonnen Kakaoschalen fallen beispielsweise allein in Deutschland jährlich an Abfall bei der Kakaoproduktion an.
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Das in 2018 gegründete Start-Up Spoontainable hat es sich zur Aufgabe gemacht, mit diesem Reststoff nachhaltige Eislöffel herzustellen. Für diese Idee gewannen die drei Gründerinnen im Juni 2019 sogar den Food Innovation Award und zeigen damit uns allen: Müll kann viel wertvoller sein, als wir es uns vorstellen können. Julia Piechotta erzählt, wie es dazu kam:
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Trotz des ab 2021 in Kraft tretenden Verbots von Plastikge-schirr und Einwegbesteck gibt es noch keine genauen Handlungsempfehlungen für Hersteller. Die Nachfrage nach Einwegprodukten aus biobasierten Kunststoffen und Naturfasern in seinem Unternehmen hat sich laut des Geschäftsführers Robert Czichos von Bionatic, einem Großhändler von Einwegprodukten aus nachwachsenden
und recycelbaren Rohstoffen, positiv entwickelt. Ausschlaggebend hierfür sieht er in der Entwicklung der Food-Service-Industrie, dem wachsenden Bewusstsein für Nachhaltigkeit und dem Befinden in einem Nischenmarkt.
Das Verbot von Einweggeschirr sieht er allerdings kritisch.

Foto: Greenbox




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Bioplastik FHWS

Bioabbaubare Verpackung könnte künftig die Umwelt schonen. Sabine Amberg-Schwab vom Würzburger Fraunhofer Institut ist Vorreiterin - mit Folienschichten aus Früchteresten.

Das neue deutsche Verpackungsgesetz sieht vor, dass alle, die gefüllte Verpackungen in Umlauf bringen, für deren Rücknahme und Verwertung verantwortlich sind. Das stellt viele Hersteller vor Herausforderungen, denn zu viel des Plastikmülls kann nicht recycelt werden und sie müssen für die entstehende Umweltverschmutzung bürgen. Eine mögliche Lösung erforscht das Das Fraunhofer-Institut für Silicatforschung (ISC) in Würzburg: Verpackungen aus kompostierbaren Kunststoffen sollen den Markt verändern.


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„Wir haben nur einen Planeten Erde, aber bis 2050 wird unser Verbrauch ein Niveau erreichen, als hätten wir drei davon“, stellte im März der EU-Umweltkommissar Virginijus Sinkevicius fest. Er präsentierte der Kommission den Aktionsplan für die Kreislaufwirtschaft der EU mit dem Ziel, konkrete Maßnahmen für die Vermeidung von Abfall umzusetzen. Nach diesem Plan sollen ab 2030 alle Kunststoffverpackungen auf dem europäischen Markt recyclingfähig sein.

Plastik verschmutzt die Umwelt mit langfristigen Folgen für Mensch und Natur – dieses Problem ist inzwischen weit bekannt. Jedes Jahr gelangen 4,8 bis 12,7 Millionen Tonnen Plastik in die Meere. Laut der Umweltschutzorganisation WWF steuert gerade Verpackungsmaterial für Lebensmittel einen großen Teil dazu bei. Diese ausgedienten Verpackungen gelangen hauptsächlich vom Land aus über Flüsse in die Meere.
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„Ein Szenario, das uns zum Nachdenken gebracht hat“, sagt Dr. Sabine Amberg-Schwab. Sie ist die Leiterin des Fachbereichs Barriereschichten und chemische Beschichtungstechnologie am Würzburger Fraunhofer-Institut. Dort entwickelt sie seit mehr als 30 Jahren Verbundfolien, die für Verpackungsmaterial eingesetzt werden können.

„Das Problem ist, dass solche zusammengesetzten konventionellen Folien nicht recycelt werden können“, sagt die Materialforscherin. Seit acht Jahren arbeitet sie an einer - inzwischen preisgekrönten - Funktionsschicht aus biologischen Materialien, die bioabbaubar und kompostierbar ist. Diese Schicht kann dann als Barrierelack auf Biokunststoffe und konventionelle Kunststoffe aufgetragen werden. Selbst konventionelle Verpackungsfolien werden dadurch einfacher recycelbar, sagt Amberg-Schwab.

Foto: Fraunhofer ISC


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„Wir verwerten biologische Reste weiter und stellen dann aus diesen hochwertiges Ausgangsmaterial für unsere Barrierelacke her“, beschreibt die Forscherin den Herstellungsprozess der Funktionsschicht aus Früchteresten oder dem Krebsschalen-Präparat Chitosan. Um für Lebensmittelverpackungen einsetzbar zu sein, muss der Beschichtungslack eine gute Barriere sein: Wasserdampf, Sauerstoff, Aromen und Weichmacher sollen diese Schichten möglichst nicht durchdringen.

Durch die hochfunktionellen Beschichtungsmaterialien könnten in Zukunft herkömmliche Verbundmaterialien ersetzt werden, ist Amberg-Schwab überzeugt. „Wir können uns als Gesellschaft die konventionellen Verpackungs- und Verbundmaterialien nicht mehr leisten.“ Gerade deshalb setze sich das Institut dafür ein, nachhaltiger und unabhängiger von erdölbasierten Ressourcen zu werden, um die Umwelt weniger zu belasten.
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Einer Umfrage der Deutschen Umwelthilfe von 2018 zufolge können jedoch in 95 Prozent der befragten Kompostanlagen die biologisch abbaubaren Kunststoffe nicht nach der betreffenden europäischen Norm kompostiert werden.
Denn während sich die Zertifizierung als "biologisch abbaubar" auf labortechnische Bedingungen bezieht, seien die Kompostierungsverhältnisse in der Realität häufig nicht gesichert. Demnach stellen biologisch abbaubare Kunststoffe eher Störstoffe dar, die nicht normgerecht abgebaut werden können. Solange es keine einheitliche Recycling-Infrastruktur gebe, müssten die Biokunststoffe auch im Restmüll entsorgt werden, so der Umwelt- und Verbraucherschutzverband.


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Volker Herrmann, Professor für Kunststofftechnik an der Fachhochschule Würzburg- Schweinfurt, hält "das Kompostieren nicht für den Heilsbringer“, weil es an der Umsetzung noch hapere. Für Herrmann gilt: „Der Werkstoffkreislauf geht vor der Kompostierbarkeit“. Da habe das Recycling das größere Potenzial, die Umwelt in Zukunft vor zu viel Plastikmüll zu schützen. Und die Industrie werde in nächster Zeit nicht auf nachwachsende Rohstoffe für Verpackungen umschwenken, so der Kunststofftechnik-Professor. Seine Befürchtung: „Man wird weiterhin Erdöl benutzen, solange es der Menschheit für die Kunststoffproduktion nicht ausgeht."
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Auch Sabine Amberg-Schwab ist sich der Tatsache bewusst, dass es noch ein langer Weg ist, die Umwelt nachhaltig vor Plastik schützen zu können. „Wenn man sich mit der Materie etwas auseinandersetzt, sieht man erst einmal, wie komplex das alles tatsächlich ist“, sagt die Forscherin vom Fraunhofer-Institut. Trotzdem sei die Entwicklung der neuen Monomaterialklasse ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, da diese leichter zu kompostieren sei.

Die Wissenschaftlerin appelliert zudem an die Verbraucher, sich möglichst zuverlässig zu informieren mit Blick auf die gebrauchten Verpackungen. Das sieht auch der Aktionsplan der EU vor: Nur, wenn alle Verbraucher bewusster mit Verpackungen umgehen, kann in Zukunft das korrekte Kompostieren von abbaubaren Kunststoffen zu einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft führen.
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ERZEUGEN

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Bienensterben

"Wenn die Biene einmal von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur vier Jahre zu leben. Keine Bienen mehr, keine Bestäubung mehr, keine Pflanzen mehr, keine Tiere mehr, keine Menschen mehr." (Zitat Albert Einstein, 1949)  

Immer mehr Tier- und Pflanzenarten sind vom Aussterben bedroht oder bereits komplett verschwunden. So zeigte die „Rote Liste der Pflanzen“ des Bundesamts für Naturschutz Ende 2018, dass in Deutschland über 2500 heimische Pflanzenarten in ihrem Bestand gefährdet sind. Das entspricht mehr als einem Drittel der gesamten heimischen Wildpflanzen. Unter der schrumpfenden Vielfalt im Pflanzenreich leidet auch die Biene – vor allem in Bayern: 40 der ursprünglich 520 heimischen Bienenarten sind laut dem Bund Naturschutz bereits verschwunden. Deutschlandweit ist über die Hälfte aller Bienenarten bedroht. 

Das Aktionsbündnis „Rettet die Bienen“ möchte diese dramatische Entwicklung stoppen und erwirkte im Juli 2019 mit dem Volksbegehren "Artenvielfalt" Gesetzesänderungen im bayerischen Naturschutzgesetz. Das Ziel: die Artenvielfalt retten, die Lebensräume der Tiere vernetzen und ungenutzte Wiesen in Blühwiesen umwandeln.
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Der Bestand der Bienen ist seit Jahren in Gefahr. Dabei ist die Biene aus dem Leben der Menschen nicht wegzudenken:

Nicht nur Honig gilt als beliebtes Bienenprodukt, auch vom Wachs, Harz und von den Bienenpollen profitiert unser Alltag: So wird Bienenwachs zum Beispiel als Inhaltsstoff für Cremes oder Salben in der Kosmetik- oder Pharmaindustrie eingesetzt. Die von Bienen gesammelten Pollen sind reich an Vitaminen, Mineralien und Proteinen. Als Nahrungsergänzungsmittel stärken sie das Immunsystem und verbessern die Leistungsfähigkeit des menschlichen Gehirns. Bienenharz, auch Propolis genannt, gilt als natürliches Antibiotikum. Das wohl kostbarste Produkt ist das sogenannte Gelée Royale, ein von Arbeitsbienen erzeugtes Sekret, mit dem die Bienenkönigin gefüttert wird. Es wird in der Kosmetikindustrie sowie im medizinischen Bereich eingesetzt.  

Der Tierökologe Dr. Peter Biedermann macht deutlich, dass die Bienen auch für unsere Ernährung essentiell sind:
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Bienen leisten wichtige Dienste für die Umwelt. Eine ihrer bedeutendsten Aufgaben: Sie bestäuben Nutz- und Wildpflanzen. Diese Bestäubung ist grundlegend für den Fortbestand der Pflanzenvielfalt und sichert damit auch das Leben zahlreicher Tierarten. Rund 80 Prozent aller Pflanzenarten sind laut Umweltbundesamt (UBA) auf eine Fremdbestäubung angewiesen. Nach Angaben des UBA ist die Biene damit nach dem Schwein und dem Rind das drittwichtigste Nutztier. Um die Biodiversität zu erhalten, ist ein intaktes Ökosystem also essenziell.
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Bienensterben in Europa

Die Hälfte aller europäischen Bienenvölker sind in den vergangenen Wintern gestorben.

Vielfalt der Bienen

Es gibt 30.000 verschiedene Bienenarten.

Schwund von Lebensmitteln

Zwei Drittel unserer Nahrung würden ohne die Bienen nicht existieren.

Wirschaftlicher Wert

Der wirtschaftliche Wert der Bestäubung beträgt circa 250 Milliarden Euro.

Bienen als Bestäuber

70 Prozent der weltweiten Nutzpflanzen werden von der Biene bestäubt.

Manuelle Bestäubung

In manchen Regionen Chinas sind die Bienen bereits vollkommen ausgestorben. Dort müssen Menschen die Blüten per Hand bestäuben.

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In der modernen Landwirtschaft werden Nutzpflanzen wie Mais oder Roggen großflächig angebaut. Dadurch entstehen immer mehr Monokulturen, die das Nahrungsangebot für Bienen stark vermindern. Bienen leben, wie die Menschen, von einer vielseitigen Ernährung. Die fehlende Pollenvielfalt führt dazu, dass vor allem für junge Bienen nicht mehr genügend Nahrung vorhanden ist. Auch Düngemittel und Pestizide stellen für die Bienen eine Gefahr dar. Die darin enthaltenen Giftstoffe haben sowohl negative Auswirkungen auf den Honig als auch auf das Nervensystem der Insekten.  

Doch nicht nur die Bewirtschaftung von Acker- und Grünflächen, auch die Urbanisierung macht den Bestäubern zu schaffen: In dicht bebauten Gebieten finden die Bienen kaum blütenreiche Nahrungsquellen. Ihr Lebensraum verschwindet. Zuletzt tragen auch Umweltveränderungen wie der Klimawandel und die zunehmende Luftverschmutzung zum Bienensterben bei.
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Jeder kann seinen Garten oder Balkon zu einem geeigneten Lebensraum für Bienen machen: Blühende Pflanzen bieten den bedrohten Insekten Nahrung und Insektenhotels geben ihnen einen Unterschlupf zum Nisten und Überwintern. Auf Pestizide sollte verzichtet werden. Auch ein bewusster Lebensmitteleinkauf kann dazu beitragen, heimische Arten zu schützen: Honig sollte nach Möglichkeit vom regionalen Imker bezogen werden. Aber auch der Kauf von anderen Bioprodukten hilft. Er unterstützt die nachhaltige Landwirtschaft und trägt damit auch zum Erhalt der Biodiversität bei.  

Wie eine bienenfreundliche Umgebung aussieht, kann man am Biozentrum der Universität Würzburg beobachten:
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Nicht nur Privatpersonen, auch die Politik ist gefragt. Ein weltweites Verbot von schädlichen Pestiziden muss her. Aber auch grüne Randstreifen in Städten und die Bepflanzung ungenutzter Flächen würde neue Lebensräume schaffen und dem Bienensterben entgegenwirken.

Dank 1,8 Millionen Bürgern hat das Land Bayern seit August 2019 ein verbessertes Naturschutzgesetz. Es gilt nun sogar ein Pestizidverbot auf allen staatlichen Flächen. Das Volksbegehren Artenvielfalt „Rettet die Bienen!“ wurde samt Begleitgesetz und umfassendem Maßnahmenpaket im Landtag verabschiedet: „Der 17. Juli 2019 wird als wichtiger Tag für den Naturschutz in die bayerische Geschichte eingehen“, freut sich Agnes Becker, Beauftragte des Volksbegehrens und stellvertretende ÖDP-Landesvorsitzende.

Der Kreissprecher des Aktionsbündnisses, Matthias Henneberger, sieht in der Bürgerbewegung aber nicht nur einen Erfolg für Bayern:
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Emissionsarme Landwirtschaft

Ammoniak (NH3) wirkt sich negativ auf Gesundheit, Klima und Natur aus. Die deutschlandweiten NH3-Emissionen stammen zu etwa 95 Prozent aus der Landwirtschaft. Neue Maßnahmen sollen helfen.

Nach Zahlen des Thünen-Instituts emittierte die deutsche Landwirtschaft allein im Jahr 2018 rund 607.000 Tonnen des umweltschädlichen Gases NH3. Verschiedene Techniken und Methoden sollen die Emissionen in den kommenden Jahren deutlich reduzieren. Vor allem kleinere Betriebe stellt das in der Praxis jedoch vor eine Herausforderung.
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Ammoniak gilt als indirektes Treibhausgas: Es trägt zur Emission von Lachgas (N2O) bei, das vom Umweltbundesamt als rund 300-mal so klimaschädlich eingestuft wird wie Kohlendioxid (CO2). Die im Dezember 2016 erlassene NEC-Richtlinie (National Emission Ceilings Directive, EU-Richtlinie 2016/2284) soll die Ammoniak-Emissionen deshalb drastisch reduzieren: Bis 2030 sollen die Emissionen in Deutschland gegenüber dem Jahr 2005 um 29 Prozent sinken.  

Die wichtigste Quelle für Ammoniakemissionen in der Landwirtschaft ist die Wirtschaftsdüngerkette. Sie beginnt im Stall und endet damit, dass der Dünger auf dem Feld ausgebracht wird. Das Problem: Nutztiere scheiden mit Kot und Harn auch Stickstoff aus. Durch natürliche Umsetzungsprozesse entweicht so auch Ammoniak in die Luft.

Dr. Michael Diepolder von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft beschreibt diese Ammoniak-Emissionen als „Vorstufe zur Feinstaubbelastung“ und schildert den genauen Vorgang:
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Die Art der Gülleverteilung ist dennoch ein entscheidender Faktor dafür, wieviel Ammoniak letzten Endes in das Ökosystem entweicht. Durch bodennahe Verfahren wie den ‘Schleppschlauch‘ wird die Gülle so aufgebracht, dass mehr Ammoniak im Boden bleibt und in Summe weniger in die Atmosphäre entweicht. Demgegenüber steht die heutzutage noch weit verbreitete ‘Breitverteilungstechnik‘. Sie lässt eine große Menge Ammoniak in die Atmosphäre entweichen und verursacht in Folge eine starke Treibhausgasbelastung.

Mit optimierten Ausbringungsverfahren können die in der Gülle enthaltenen Nährstoffe effizienter in den Boden eingebracht werden. Das sei laut Diepolder nicht nur für das Ökosystem, sondern auch für die Bauern von Vorteil. Jedoch stellt die Umstellung auf eine emissionsärmere Technik kleinere Betriebe vor Herausforderungen – sie ist nicht nur technisch anspruchsvoll, sondern auch teuer. „Auf einmal sind für viele kleine Betriebe neue Kostenpositionen da, die sie so gar nicht kannten“, erklärt Landwirt Peter Seeger vom Hof Seeger im hessischen Otzberg. Der Staat müsse hier investieren, um Innovationen in der konventionellen Landwirtschaft voranzutreiben:
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Die EU-Vorgaben stellen Landwirte jedoch nicht nur technisch und finanziell vor Probleme, auch die Lagerkapazitäten für Gülle stoßen zunehmen an ihre Grenzen. So gelten zum Beispiel im Herbst Einschränkungen für die Gülleausbringung. Viehzüchter müssen ihre Gülle daher oft länger lagern. Dadurch steigen die benötigten Lagerkapazitäten im Herbst und Winter an und zwingen immer mehr Bauern, überschüssige Gülle zu verkaufen oder zu entsorgen. Vor allem Betriebe mit hohem Viehbestand sind davon betroffen. Findet sich kein Abnehmer, fallen mit der immer teureren Entsorgung zusätzliche Kosten an.

Auch das Vorhaben, neue Lagerkapazitäten für die Überschüsse zu schaffen, birgt große Hürden. Dr. Klaus Erdle, Leiter des Internationalen Pflanzenbauzentrums bei der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft, erklärt warum:
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Landwirte versuchen diesen strukturellen Problemen entgegenzuwirken: Sie schließen sich zusammen, mieten gemeinsam Güllefässer an oder teilen die notwendigen Maschinen in sogenannten Maschinenringen. Jedoch ist das Angebot solcher Zusammenschlüsse bislang begrenzt und führt gerade im Frühjahr zu zeitlichen Engpässen.

Auch wenn es also schon verschiedenste Ansätze gibt, mit denen die Ammoniak-Emissionen in der Landwirtschaft reduziert werden könnten – in der Praxis zeigt sich an vielen Stellen Potenzial zur Verbesserung.
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Der Shutdown durch die Corona-Pandemie verringerte den Ausstoß von Treibhausgasen. Auf Klimaschutz und Umwelt hatte das positive Auswirkungen. Doch wie wird es nach der Krise weitergehen?  

Samstagvormittag in der Kölner Innenstadt. Es scheint, als wäre es ein normaler Tag. Die Stadt sprudelt nur so vor Leben, vor den Geschäften stehen die Menschen Schlange. Die Straßen füllen sich mit Autos, als wären die letzten Wochen nur ein Traum gewesen. Doch trotz Rückkehr zum Alltag ist die Corona-Krise noch präsent. In den letzten Monaten hat sie nahezu alle weiteren Themen in den Hintergrund gedrängt – auch den Umweltschutz. Doch das macht ihn nicht weniger dringend, denn der Klimawandel schreitet stetig voran. Es bleibt die Frage: Ist Klimaschutz in Zeiten der Pandemie überhaupt noch wichtig?

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„Ich glaube schon, dass es noch wichtig ist“, sagt Manfred Fischedick. Er ist wissenschaftlicher Geschäftsführer beim Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. Sein Ziel ist es, den Übergang zu einer nachhaltigen Wirtschaft zu gestalten. Fischedick ist überzeugt, dass Deutschland bis 2050 klimaneutral werden kann, wenn im Konjunkturprogramm der Bundesregierung Maßnahmen für eine zukunftsorientiere Wirtschaft getroffen werden.

Doch die Umweltverbände wollen mehr. Benedikt Jacobs, Experte im Bereich der Rohstoff- und Ressourcenpolitik beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), erhofft sich einen systemischen Wandel der Wirtschaft. Damit der Klimaschutz an Priorität gewinnen kann.
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Denn Klimaschutz ist und bleibt wichtig. Eine Ansicht, die auch Fischedick teilt. Er veröffentlichte mit seinem ehemaligen Kollegen in der Corona-Pandemie ein Diskussionspapier darüber, wie man mit dem Klimaschutz nach der Corona-Krise umgehen sollte. Darin liefert er auch erste Ansätze für ein Konjunkturprogramm.

Für den Energie- und Klimaforscher ist es zwar wichtig, dass man sich zunächst primär um die Gesundheit der Menschen kümmert und das Gesundheitssystem entlastet. Dennoch sollte seiner Meinung nach die Klimakrise dabei nicht in Vergessenheit geraten. Laut Fischedick muss sich die Gesellschaft auf Veränderungen vorbereiten und langfriste Maßnahmen treffen, um die Folgen des Klimawandels in Grenzen zu halten.
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So machten am Anfang der Pandemie noch Grafiken aus China die Runde. Diese zeigten, dass die Treibhausgasemissionen seit dem Lockdown stark gesunken sind. Hat die Corona-Pandemie also einen positiven Effekt auf das Klima? Zumindest hat der Lockdown dazu geführt, dass der globale CO2-Ausstoß bis Ende April 2020 um 14 Prozent gesunken ist – in Deutschland sogar um 16 Prozent, wie ein internationales Forscherteam in der Fachzeitschrift "Nature Climate Change" berichtet. Eigentlich ein gutes Zeichen für den Klimaschutz. Jedoch warnen Experten vor einem sogenannten Rebound-Effekt, durch den eingesparte Emissionen zu einem späteren Zeitpunkt ausgestoßen werden.

Bestes Beispiel dafür: 2009 steckte die Welt in der Wirtschaftskrise – für das Klima ein prägendes Ereignis. Denn zwischen den Jahren 2008 und 2009 sank der Gesamtausstoß aller Treibhausgase um 8,4 Prozent. Jedoch zeigte sich schnell, dass die weiteren Beschlüsse in Folge der Krise diesen Erfolg in den darauffolgenden Jahren wieder zunichtemachten. So gab es 2010 in Deutschland laut Umweltbundesamt einen CO2-Anstieg um 35 Millionen Tonnen. Weltweit stiegen die CO2-Belastungen 2010 um sechs Prozent, in 2011 um weitere drei Prozent an.
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Laut Benedikt Jacobs vom BUND bestehe die Gefahr, dass es ein Wiederholungseffekt gibt: „Wenn man sich die Debatten und Diskurse der letzten Wochen anschaut, rund um die Rettung der Lufthansa, die Abwrackprämie 2.0 oder die Kaufanregung für Autos, sind das alles Rezepte und Maßnahmen, die wir 2008 schon gesehen und kritisiert haben.“

Er findet, dass die aktuellen Debatten die Wirtschaft weder resilienter noch klimafreundlicher oder regionaler machen. Seiner Meinung nach bietet die Krise jedoch eine Chance: „Wenn jetzt schon einmal alles ‘runtergefahren‘ ist, sollten wir auch in die richtige Richtung neustarten und uns nicht den rückwärtsgewandten Sachen zuwenden“, so Jacobs.
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Am 3. Juni 2020 wurden durch den Koalitionsausschuss die Ergebnisse zur Bewältigung der Corona-Krise bekannt gegeben. Sie beinhalten Konjunktur-, Krisenbewältigungs- und Zukunftspakete – mit Aspekten pro Klimaschutz. So will die Politik Unternehmen dabei unterstützen, Produkte für einen zukunftsfähigen Verkehr auf dem Markt zu bringen – zum Beispiel soll die Elektromobilität durch Umweltprämien attraktiver werden. Zudem setzt sie auf die Wasserstoffstrategie, also auf die Entwicklung umweltfreundlicherer Produktionsanlagen für Wasserstoff. Und auch der Ausbau der Erneuerbaren Energie wird unterstützt, um den CO2-Ausstoß zu reduzieren.

Viele Maßnahmen, die Institutionen und Umweltverbände vorgeschlagen haben, wurden in das Ergebnis des Koalitionsausschusses miteinbezogen. Laut Fischedick ein mutiger Schritt in die richtige Richtung. Doch: „Die Corona-Krise kam plötzlich und unerwartet. Vom Klimawandel wissen wir dagegen ganz genau, dass er stetig fortschreitet und dauerhafte Folgen hat, wenn wir jetzt nicht massiv gegensteuern. Es wäre fahrlässig, nicht jede Chance zu nutzen, einen möglichst hohen Beitrag zum Gegensteuern zu leisten."
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Nachwachsende Rohstoffe sind gefragt: Ackerkulturen wie Weizen, Mais und Raps werden in der Landwirtschaft großflächig angebaut. Doch auch alternative Kulturen sind seit einiger Zeit immer häufiger zu sehen. Das kommt unter anderem der Artenvielfalt zugute.

Während Mais laut dem Bundesverband Deutscher Pflanzenzüchter bereits seit den Sechzigerjahren angebaut wird, erfreut sich die alternative Kulturpflanze Durchwachsene Silphie erst seit 2009 wachsender Berühmtheit. Das zeigen Untersuchungen der Thüringer Landesanstalt für Landwirtschaft. Die Durchwachsene Silphie gilt als vielversprechender Lebensraum für Insekten, da sie den ganzen Sommer über bis hin zur Ernte blüht.  

Auch das Technologie- und Förderzentrum im Kompetenzzentrum für Nachwachsende Rohstoffe (TFZ) erforscht alternative Kulturpflanzen. Michael Grieb ist dort stellvertretender Leiter des Sachgebiets ‚Rohstoffpflanzen und Stoffflüsse‘ und bestätigt, dass alternative Kulturen auch der Artenvielfalt zugutekommen könnten:
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Dr. Carola Blessing vom Landwirtschaftlichen Technologiezentrum (LTZ) Augustenberg definiert alternative Kulturpflanzen als weniger bekannte Pflanzenarten, die in einem Land “noch nie angebaut wurden und als Pionierpflanzen in das Anbaugebiet gebracht werden”. Ebenso gehören ältere Kulturen dazu, die mit der Zeit in Vergessenheit geraten sind. So zählen zum Beispiel Linsen zu den ältesten Kulturpflanzen der Menschheit. In Deutschland kam ihr Anbau nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch zum Erliegen. Wiederentdeckt wurde die Linse dann erst Mitte der Achtzigerjahre auf der Schwäbischen Alb.
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Auch Blessing beschäftigt sich in ihrem Projekt „Eiweißinitiative“ mit der Linse als Kulturpflanze. Wie auch die Kichererbse gehört die Linse zu den sogenannten Körnerleguminosen und zeichnet sich durch ihren hohen Eiweißgehalt aus. Das macht sie als Nahrungs- und Futtermittel besonders wertvoll. Linsenäcker erweisen sich außerdem als Biodiversitäts-Hotspot, wie eine Studie der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen herausfand.

Laut Michael Grieb vom TFZ in Straubing sei auch der Hanf nicht zu unterschätzen. Die Pflanze lasse sich vielfältig und nahezu vollständig verwerten: So könnten die Hanfkörner in der Lebensmittelproduktion, Blüten und Blätter im Arzneimittelbereich eingesetzt werden. Aus den Stängeln lassen sich Fasern für die Textilindustrie herstellen, so Grieb.
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Auch für die Energiegewinnung sind alternative Kulturen von Bedeutung. Sie können als Energiepflanzen in der Biogasproduktion genutzt werden. Den Prozess von der Pflanze zum Biogas kann man sich dabei so vorstellen: Die Kulturpflanzen werden zusammen mit den Exkrementen von Nutztieren zu einer Art Gülle verarbeitet. Bakterien zersetzen dieses Gemisch, wobei unter anderem Methangas entsteht. Das Gas wird gespeichert und nach und nach einem Motor zugeführt. Dieser Motor treibt dann wiederum einen Dynamo an, der Strom erzeugt.

Die Durchwachsene Silphie sei bei der Biogasherstellung durchaus eine Konkurrenz für herkömmlichen Kulturen wie den Mais, erläutert Michael Grieb. Die Pflanzenart aus Nordamerika könne nach einmaliger Aussaat bis zu 15 Jahre lang kontinuierlich Erträge liefern. Beim Mais hingegen handele es sich um eine einjährige Kultur. Das bedeute, dass er jährlich neu gesät werden müsse. Auch der Boden müsse dadurch jedes Jahr bearbeitet werden.
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Beim Anbau alternativer Kulturen müsse der ökologische Grundgedanke stets im Vordergrund stehen, hält Carola Blessing vom LTZ Augustenberg fest. Hierbei sei auch eine standortangepasste Strategie wichtig. So würde eine Tropenpflanze in Deutschland zum Beispiel wenig Sinn ergeben. Helfen könnten alternative Kulturen aber zum Beispiel an Standorten, an welchen zukünftig mit weniger Niederschlag gerechnet wird. Kulturpflanzen, die an trockeneres Klima angepasst sind, könnten hier Ernteausfällen entgegenwirken.
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Neben den positiven Aspekten bergen alternative Kulturen auch Risiken. Es können Gefahren für die Umwelt entstehen, wenn sich zum Beispiel Schädlinge heimisch machen oder sich die Pflanzen unkontrolliert ausbreiten.
Um dem entgegenzuwirken, werden bereits vor dem Anbau der neuen Kulturen umfangreiche Tests auf kontrollierten Flächen durchgeführt, so Grieb. Auch Blessing erklärt, dass bei neuen Pflanzenarten über ein Gesundheitszeugnis sichergestellt werde, dass mit der neuen Kultur keine Krankheiten oder Schädlinge mitgebracht werden. „Man kann nicht einfach so Saatgut von irgendwoher nach Deutschland bringen“, so Blessing.
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Neben den ökologischen Aspekten bleibt die Frage der Wirtschaftlichkeit: Lohnt es aus finanzieller Sicht, auf alternative Kulturen umzusteigen? Der Anbau der Durchwachsenen Silphie verursacht höhere Kosten als zum Beispiel der Maisanbau. Laut der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe wird die Durchwachsene Silphie deutschlandweit bisher nur auf ca. 3000 Hektar angebaut.  

Grieb sieht ein lokales Marktgleichgewicht als Grundvoraussetzung für den wirtschaftlich rentablen Anbau alternativer Kulturen. Außerdem verweist er auf Subventionsprogramme wie die sogenannte Greeningprämie: Hierbei handelt es sich um eine EU-Förderung für Landwirte, die bestimmte Umweltauflagen erfüllen. Auch der Einsatz alternativer Kulturen zählt zu diesen Vorgaben. In Bayern gibt es außerdem das sogenannte Kulturlandschaftsprogramm. Dieses stellt Förderungen für Projekte bereit, die sich besonders positiv auf die Artenvielfalt auswirken.

Das Aus für die konventionelle Landwirtschaft bedeuten die alternativen Kulturen jedoch nicht, wie Grieb deutlich macht:
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Pflanzen als Klimaretter

Pflanzen leisten bereits einen großen Beitrag zur Bindung von Kohlendioxid (CO2). Doch um den zusätzlichen Ausstoß durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe aufzufangen, müsste ihre Leistung noch viel effizienter sein. Genau diese Effizienzsteigerung ist Thema eines Forschungsprojekts der Universität Würzburg. Mithilfe von modifizierten Pflanzen soll so der Klimawandel eingedämmt werden.
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Bis 2050 soll Europa klimaneutral sein – so steht es in Artikel 4 des Pariser Klimaabkommens. Klimaneutralität bedeutet, ein Gleichgewicht zwischen dem Ausstoß und der Bindung von CO2 herzustellen. Nur durch die Reduzierung der Treibhausgasemissionen ist dieses Ziel derzeit nach Einschätzung vieler Wissenschaftler allerdings nicht erreichbar. So ist zum Beispiel auch der Tenor einer Studie der Stiftung Wissenschaft und Politik vom Mai 2020.

Ein Ansatz besteht deshalb darin, vermehrt CO2 aus der Atmosphäre zu entfernen, und somit rechnerisch negative Emissionen zu erzeugen. Diese Idee, genannt Carbon Dioxide Removal, fällt unter den Bereich des Geoengineering – also bewusste Eingriffe in das Klimasystem, um die menschgemachte Klimaerwärmung abzumildern.
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Ein Faktor, der eine wichtige Rolle bei der Reduktion von CO2 in der Luft spielt, ist die Aufnahme und Umwandlung von CO2 durch Photosynthese. Etwa 123 Gigatonnen CO2 werden so jährlich durch Pflanzen gespeichert. Das reicht jedoch nicht aus, um den Überschuss an CO2, der insbesondere durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe entsteht, auszugleichen.  

Trotzdem birgt die Photosynthese von Pflanzen Potenzial für eine gesteigerte Speicherung von CO2. Deshalb wird daran geforscht, wie sich dieses Potenzial besser nutzen lässt. Denn die Photosynthese verläuft teilweise ineffizient. Die Photorespiration, also die Atmung der Pflanzen, durch die gleichzeitig CO2 freigesetzt wird, hat negative Auswirkungen auf die gesamte Bilanz der Photosynthese. Dies geschieht, da das Enzym RuBisCo (Ribulose-1,5-bisphosphat-carboxylase/-oxygenase) nicht nur CO2 fixiert, sondern zu einem gewissen Grad auch empfindlich auf Sauerstoff reagiert und dabei wieder CO2 an die Luft abgibt. Ohne diese Ineffizienz könnte die Pflanze deutlich höhere Mengen an CO2 fixieren und ertragreicher sein.
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Ein Forschungsteam der Universität Würzburg um Prof. Thomas Dandekar, Inhaber des Lehrstuhls für Bioinformatik, setzt direkt hier an: Das Team will Pflanzen so modifizieren, dass sie mehr Kohlendioxid binden können. Basierend auf bestehenden Ansätzen zur Modifikation von Pflanzen berechnete das Team, wie sich diese kombinieren lassen, um die CO2-Fixierung zu optimieren. Die Kombination zweier gentechnischer Verfahren erwies sich dabei als besonders vielversprechend: Bis zu fünf Mal mehr CO2 pro Chloroplaste, also pro Zellorganelle, die Photosynthese betreibt, kann im Idealfall gebunden werden.  
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„Unser Ergebnis ist also ein theoretischer Durchbruch, aber jetzt müssen natürlich noch die tatsächlichen Experimente kommen“, so Teamleiter Dandekar. Die Rechenergebnisse sollen in praktische Versuche umgesetzt werden. Dabei kann sich Dandekar verschiedene Ansätze vorstellen: optimierte Bäume in der Aufforstung, Nutzpflanzen, deren Ertrag gesteigert wird, oder Algen, die die hohen CO2-Emissionen bei der Betonherstellung auffangen. Ob und bei welchen Pflanzen die gentechnische Modifizierung wirklich den versprochenen Erfolg bringt, wird sich in den kommenden Jahren erst noch zeigen. Für einen Vorteil hält Dandekar die lokale Einsetzbarkeit. Am realistischsten sei der Einsatz einer Technologie, wenn sie „auch schon lokal und direkt Erfolg bringt“, so der Bioinformatiker.
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Es bestehe die Möglichkeit, dass bestimmte effizientere Vorgänge bereits natürlich in Algen vorkommen, sagt Dandekar. Seine Ergebnisse in die Tat umzusetzen, wird allerdings kaum ohne den Einsatz gentechnischer Methoden auskommen. „Ein echter Vorteil ist, dass die gentechnischen Eingriffe in den Chloroplasten passieren“, so Dandekar. Genau das helfe, dass der Rest der Pflanze genauso weiterarbeiten könne wie bisher.

Der Einsatz von Gentechnik ist gerade in Deutschland ein umstrittenes Thema. Dr. Stephan Schleissing, Leiter des Programmbereichs ‚Ethik in Technik und Naturwissenschaften‘ am Institut Technik-Theologie-Naturwissenschaften der LMU München, stellt klar: „Unter den Begriff Gentechnik fallen unterschiedliche Verfahren. Bei der Bewertung sollte man bereit sein, zwischen verschiedenen gentechnischen Vorgehensweisen zu unterscheiden.“ Je nach Verfahren erfolgt der gentechnische Eingriff auf unterschiedliche Weise und auch die Sicherheitsforschung ist nicht bei allen Verfahren gleich weit fortgeschritten.


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„Das eigentlich schwierige ist, den Übergang zu gestalten“, beurteilt Schleissing die gentechnischen Eingriffe auf dem Weg zur Klimaneutralität. Sofern die Biosicherheitsforschung es zuließe, müssten dabei Kompromisse gemacht werden, die auch den Einsatz neuer Pflanzenzüchtungsverfahren wie der Genschere CRISPR/Cas sinnvoll erscheinen lassen können, so Schleissing. Kategorisch bestimmte Techniken auszuschließen, ist nach Auffassung des Ethikers nicht der richtige Weg. „Wenn man die Realität zur Kenntnis nimmt, ist es wichtig zu erkennen, dass wir mit einem Problem wie dem Klimawandel mithilfe von Technik umzugehen haben.“ Bevor ein Einsatz erfolgen kann, müsse allerdings auch Akzeptanz in der Bevölkerung geschaffen werden.
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Die Notwendigkeit seiner Forschung sieht Dandekar in der rasch voranschreitenden Klimaerwärmung. „Das Problem ist nicht so sehr der erhöhte CO2-Spiegel, sondern dass es so schnell wie nie zuvor passiert.“ Obwohl biologische Systeme hervorragend auf Belastung reagieren, gebe es so genannte Kipppunkte, an denen die Folgen der Erderwärmung nicht mehr umkehrbar sind und sich sogar noch selbst verstärken. „Bis dahin haben wir noch etwa zehn Jahre Zeit. Für mich bedeutet das, dass wir in den nächsten zehn Jahren potenzielle Möglichkeiten ausprobieren sollten, das CO2 oder zumindest die weitere Erhöhung zu senken“, so Dandekar. 

Eine Möglichkeit seien seine modifizierten Pflanzen. „Pflanzen spielen die entscheidende Rolle bei der CO2-Bindung, denn das ist eines der wenigen Räder, an denen wir drehen können.“ Mit Dandekars Ansatz wäre es möglich, die Konzentration des CO2 in der Atmosphäre zu reduzieren – zumindest dann, wenn sich die praktische Umsetzung als so effizient erweist wie die Berechnungen. Damit rückte auch die Einhaltung der EU-Klimaziele wieder in greifbare Nähe. Inwieweit modifizierte Pflanzen dazu beitragen, wird die weitere Forschung in dem Bereich zeigen. Denn wie effektiv diese sind, hängt auch davon ab, wie Pflanzen genutzt werden und wie schnell das gebundene CO2 dabei wieder freigesetzt wird.
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Algenkultivierung für Bio-Treibstoffe ist umstritten. Dass Algen Teil einer nachhaltigen Bioökonomie sein können aber nicht. Was versprechen die Multitalente aus dem Meer?
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Algen sind schon seit längerem ein beliebtes Objekt biotechnologischer Forschung - ob für Lebens- und Futtermittel, Kosmetik oder Pharmazie. Algen betreiben Fotosynthese, bei fixieren sie Kohlendioxid (CO2) und produzieren gleichzeitig Lipide, also Fette. Der Vorteil: Algen wachsen schnell und erzeugen dabei bis zu zehn Mal mehr Biomasse als andere ölhaltige Landpflanzen. Nach zwei Wochen beinhalten sie bereits 50 bis 70 Prozent Öl in jeder Zelle. Algenforscher Thomas Brück vom Algentechnikum Ottobrunn der TU München vergleicht: „Raps hat 55 Prozent Öl in der Saat. Die braucht aber drei bis vier Monate, bis sie produziert ist. Plus Stängel, Blätter, Wurzeln, dann haben wir nur noch zehn Prozent Öl pro Gesamtpflanze.“


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Weiterer Vorteil: Algen wachsen in fast jeder Umgebung, sofern genügend Sonnenlicht vorhanden ist. Sie konkurrieren nicht mit der Landwirtschaft, weil sie weder Sü.wasser noch landwirtschaftliche Fläche brauchen. Genau wie Rapsöl kann auch Algenöl zur Herstellung von Kraftstoffen wie Kerosin genutzt werden. Warum also fliegen Flugzeuge nicht längst klimaneutral mit grünem Algenkerosin?















Quelle Bild: Andreas Heddergott / TUM
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Weil gewichtige Argumente bisher noch dagegensprechen. So liegt der globale Kerosinverbrauch bei 300 Millionen Tonnen – etwa 300 Milliarden Liter – im Jahr. Da kann die Algenproduktion noch lange nicht mithalten, weiß auch Algenforscher Brück: „Algen allein können den Bedarf an Biokerosin nicht decken, sie sind eine regionale Lösung."

Projekte, mit denen seit den 1970er Jahren versucht wurde, Algen für Biotreibstoffe zu nutzen, erwiesen sich im industriellen Maßstab als nicht wirtschaftlich. Versprochene Produktionsmengen blieben aus, wettbewerbsfähige Preise waren nicht absehbar. „Besonders in den USA haben Regierung und Investoren mehrere hundert Millionen Dollar in solche Projekte gesteckt“, sagt Siegfried Knecht, Vorstandsvorsitzender beim Branchenverein Aviation Initiative for Renewable Energy (aireg). „Im Bereich der Algen haben sich die meisten Firmen wieder in Richtung Nahrungsmittel, Futtermittel, Kosmetika gewandt“, sagt Knecht. Dort könne mit Algen heute viel Geld verdient werden. Nur wenige arbeiteten noch im Bereich der nachhaltigen Treibstoffe.
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In Deutschland hat für 2020 und 2021 der Haushaltsausschuss des Bundestages erstmals die finanzielle Förderung von synthetischen Kraftstoffen im PtL-Verfahren (Power to Liquid) eingeplant, 100 Millionen Euro pro Jahr. Welche Projekte das Geld bekommen, ist noch offen. Knecht wäre glücklicher, wenn das Fünffache an Geld in die Hand genommen würde. Nur so könne herausgefunden werden, ob und ab wann sich größere Anlagen rechnen. Er plädiert dafür, die besten Ansätze stark zu fördern, anstatt die Mittel nur auf viele kleine Projekte zu verteilen.

Der Münchner Biotechnologe Thomas Brück hält - wäre die die Politik nicht so risikoscheu, wie er beklagt - ein Synergie-Konzept für realisierbar: etwa Algenkultivierung kombiniert mit PtXMethoden. Also mit Verfahren zur Erzeugung erneuerbarer Energien, in denen durch elektrischen Strom aus Wasser und CO2 nicht nur flüssiger Kraftstoff generiert wird, sondern auch Gase oder feste synthetische Stoffe, die die Wirtschaft benötigt. Oder Algen kombiniert mit Energiegewinnung durch Sonnenlicht. „Das wäre ein ganzheitlich nachhaltiges Verfahren“, sagt der Wissenschaftler. Die Gesellschaft für chemische Technik und Biotechnologie Dechema beklagt ebenfalls eine fehlende Zusammenarbeit und Kommunikation zwischen Forschung, Industrie, Politik und Wirtschaft. Nur so könne das Potential der Mikroalge wirtschaftlich rentabel ausgeschöpft werden.
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Bislang ist Biokerosin aus Algen schlichtweg zu teuer. Denn um in den großen, offenen Salzwasser-Ponds, wo die Algen wachsen, dauerhaft das Wasser in Bewegung zu halten, ist allein schon der Energieaufwand zu hoch. Auch wird zu viel künstlich erzeugtes Licht benötigt. Deshalb müsse man europäisch denken, sagt Brück. „Im Algentechnikum optimieren wir die Prozesse auf eine Klimaregion, wo bei niedrigen Kosten die Algenkultivierung Sinn macht: Südeuropa. Spanien, Portugal, Griechenland.“













Quelle Bild: Andreas Heddergott / TUM
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Von den hunderttausend existierenden Algenarten werden bisher weniger als 20 Stämme industriell und kommerziell genutzt. Brück ist überzeugt, dass Algen Kreislaufprozesse anstoßen könnten, die in Sachen Nahrungsmittelproduktion, Flächeneffizienz und Klimaschutz zusammenwirken, einander bedingen und einen nachhaltigen Effekt erzielen. Denn es entstünden keine Abfälle, wie es bei anderen klimaschonenden Verfahren der Fall ist.
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Anfallende Restprodukte bei der Algenkerosin-Herstellung würden weiterverwendet, etwa Glycerin in der Kosmetikindustrie. Aus dem übrigen Glycerin stellt Brück biogene, nicht erdölbasierte Carbonfasern her. „So ein Stoff kann den Leichtbau und die Automobil- und Flugindustrie revolutionieren.“ Die Fasern sind laut Brück biologisch abbaubar, weisen keine Recyclingprobleme auf wie herkömmliches Carbon. Würden damit beispielsweise alte Kohleflöze aufgefüllt, entstünden in diesem Brachland Wasserspeicher, die die Pflanzen in Trockenperioden versorgen könnten.
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Weltweit gehen die Artenvielfalt und die Anzahl der Insekten zurück. Die Gründe liegen unter anderem in der intensiven Landwirtschaft und dem Einsatz von Pestiziden. Den Blick vom einzelnen Feld auf ein größeres Gebiet, die Landschaftsebene, zu richten und konkrete Ziele zu formulieren, könnte die Situation positiv beeinflussen.
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Innerhalb des letzten Jahrzehnts hat die Vielfalt der Insektenarten und die Anzahl der Individuen deutschlandweit in Wiesen und Wäldern abgenommen. Das belegt eine im Oktober 2019 veröffentlichte Studie der Technischen Universität München (TUM). In beiden Lebensräumen zählten die Forscher etwa ein Drittel weniger Insektenarten als noch vor zehn Jahren.
Die Ursachen für das Insektensterben sind dabei schwierig nachzuvollziehen. „Wir wissen bei ganz vielen Faktoren, dass sie den Insektenrückgang beeinflussen. Es ist jedoch schwierig, den wichtigsten Faktor eindeutig zu bestimmen, weil die Faktoren in der realen Landschaft oft miteinander korrelieren“, erklärt Wolfgang Weisser, Professor für terrestrische Ökologie an der TUM.  

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So oder so bestätigt die Studie, dass sich die Landwirtschaft auf Insektenbestände negativ auswirkt. Die Forscher untersuchten auch die Intensität der Landnutzung, etwa ob regelmäßig gedüngt, beweidet oder gemäht wird. Neben Schädlingsbekämpfungsmitteln, den Pestiziden, spielen nach neuen Erkenntnissen auch Faktoren auf Landschaftsebene eine Rolle. So ist beispielsweise die Anzahl der Wiesen und ihre Entfernung zueinander in einem größeren Areal von Bedeutung.

Eine Metastudie des australischen Ökologen Francisco Sánchez-Bayo vom Sydney Institute of Agriculture aus dem Jahr 2019 prognostiziert gar, dass bereits in 100 Jahren viele Insekten ausgestorben sein könnten: Den Forschern zufolge nimmt die Insektenmasse jährlich um 2,5 Prozent ab und ein Drittel der Insektenarten ist bereits heute vom Aussterben bedroht.

Quelle Bild: Dr. Ulrike Garbe / Landesamt für Umwelt, Brandenburg
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War eine untersuchte Fläche von viel Ackerland umgeben, verschwanden auf dieser mehr Insekten, so eines der Ergebnisse der TUM-Studie. Insbesondere seltene Arten nahmen ab oder starben sogar aus. Dass pflanzenreiche Feldränder abgenommen haben oder Pestizide eingesetzt werden, sind mögliche Ursachen. Doch neben der lokalen Intensität der Landnutzung ist die Landschaftsebene entscheidend. Demnach kommt es nicht nur darauf an, wie einzelne Flächen bewirtschaftet werden, sondern auch wie diese zusammenhängen.

Auch im Insektenatlas der Heinrich-Böll-Stiftung wird betont, dass die Gestaltung der Landschaft in ihrer Gesamtheit gegenüber der Bewirtschaftung einzelner Felder relevant ist. Denn Insekten benötigen neben Blühstreifen, die ihnen Nahrung bieten, auch Wohnorte, etwa im Boden oder Totholz. „Wenn die ewig weit weg sind, dann nützt der Blühstreifen nichts“, erklärt Weisser.
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Auch im Wald sind viele Insekten auf Totholzbestände angewiesen. „Deswegen ist die Anreicherung mit Totholz, etwa dass man Teile der Baumkrone bei der Bewirtschaftung liegenlässt, eine wichtige Naturschutzmaßnahme“, sagt Weisser. Martin Heilig, zweiter hauptamtlicher Bürgermeister der Stadt Würzburg, sieht das ähnlich: „Wichtig – und in Würzburg seit vielen Jahren praktiziert – ist der Waldnaturschutz, denn allein die Gruppe der Waldinsekten umfasst in Europa rund 30.000 Arten.“

So wird etwa dafür gesorgt, Totholzbestände zu erhalten oder den Wald mit diesen anzureichern. Totholz ist allerdings nicht der einzige Einflussfaktor auf Waldinsekten. Zwar seien die Probleme in der Agrarlandschaft laut Weisser größer, die Rückgänge im Wald dafür schwieriger nachzuvollziehen. Auch hier vermutet er weitere Ursachen auf Landschaftsebene.
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Zusätzlich tragen Pestizide zum Insektensterben bei. Einerseits töten oder schwächen sie Insekten, andererseits beeinflussen sie die Vielfalt der Pflanzenwelt. „Dass viele Bewirtschaftungsformen nicht gerade biodiversitätsfördernd sind, ist klar“, sagt Weisser. Das sei auch nicht der Sinn dieser Bewirtschaftung. Schließlich sind Landwirte für die Nahrungsmittelproduktion verantwortlich – gleichzeitig muss sich ihre Arbeit wirtschaftlich lohnen. Schädlinge und Wildkräuter stehen dem entgegen. Bringt ein Landwirt ein Herbizid auf einem Feld aus, reduziert er so die Anzahl der Wildkräuter. Diese sind jedoch Nahrung und Lebensraum von Insekten.

„Allerdings hätten wir denselben Effekt auf die Insekten, wenn die Wildkräuter mit anderen Methoden, zum Beispiel mechanisch oder thermisch, entfernt würden“, sagt Christian Maus, Insektenforscher beim Chemie- und Pharmakonzern Bayer. Die Anforderungen an die Umweltsicherheit von Pestiziden seien seit den Neunzigerjahren strenger und die Evaluierungsmethoden ausgefeilter geworden. Anders sieht es in Afrika und Südamerika aus, wo laut Insektenatlas teilweise Mittel eingesetzt werden, die in der EU seit Jahrzehnten verboten sind.
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Unter anderem das 2019 erfolgreich durchgeführte Volksbegehren „Artenvielfalt & Naturschönheit in Bayern“ gibt den Landwirten viele Regeln vor. Gesetzlich festgelegt ist etwa, wie und wann sie ihre Flächen mähen oder düngen. „Die Landwirtschaft hat mit Sicherheit einen Einfluss auf die Insektenwelt“, bestätigt Stefan Köhler, Präsident des Bayerischen Bauernverbands (BBV) Unterfranken. Er warnt aber vor einer Überregulierung: „Man sollte über Umweltprogramme Anreizkomponenten schaffen, dass Landwirte sich freiwillig einbringen.“

Denn in der Landwirtschaft brauche es immer den regionalen Bezug, der sich über Gesetze schlecht definieren lasse. Außerdem nähmen die Landwirte freiwillige Programme wie das bayerische Vertragsnaturschutzprogramm und das Kulturlandschaftsprogramm (KULAP) gut an. Bei diesen Programmen erhalten sie Ausgleichszahlungen für umweltschonende Bewirtschaftung. „Im Öko-Landbau ist Unterfranken mit an der Spitze“, sagt Köhler. Dies belegen auch die aktuellen Teilnahmezahlen an den KULAP-Maßnahmen.
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TUM-Forscher Weisser betrachtet die bisherigen Maßnahmen allerdings mit Sorge: „Im Moment geben wir viel Geld für Agrarumweltprogramme und Naturschutz aus und erreichen nicht viel.“ Denn deutschlandweit gehen Insektenbestände sowohl in der Individuen- als auch in der Artenzahl in Wiesen und Wäldern zurück. Die Einflussfaktoren auf Insekten und deren Lebensräume sind dabei vielfältig und lassen sich schwer priorisieren. Die Landwirtschaft beeinflusst diese Entwicklungen, beteiligt sich aber auch an Naturschutzmaßnahmen. Laut Weisser liegen die ausbleibenden Erfolge daran, dass keine klaren Ziele definiert und angestrebt werden. „Jetzt kommt es darauf an, dass man Wege findet, zu produzieren aber gleichzeitig die Vielfalt zu erhalten“, sagt Weisser.  
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Die industrielle Fleischproduktion hat ökologisch fatale Auswirkungen. Neben schlechten Arbeitsbedingungen und tiergerechter Haltung ist die Umweltbelastung ein großes Problem. Um dieser Problematik entgegenzuwirken, können bewusster Fleischkonsum und die Unterstützung der regionalen Fleischindustrie zu einer deutlich besseren Klimabilanz führen. Wie das funktionieren kann, zeigt der Rinderzuchtbetrieb Auenland Beef aus dem unterfränkischen Hofheim.
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Früher galt Fleisch als Nahrungsmittel für besondere Anlässe. Der klassische Sonntagsbraten ist mittlerweile out. Fleisch ist zu einem Alltagsprodukt geworden, dass sich so gut wie jeder leisten kann. In vielen Discountern kostet ein Kilo Fleisch meist weniger als ein hochwertiges Brot vom Bäcker. Schlechte Arbeitsbedingungen, eine hohe Umweltbelastung und fragwürdige Tierhaltung sind dem Großteil der deutschen Bevölkerung offenbar egal. Dabei ist Fleisch in der modernen Gesellschaft nicht mehr ein Wohlstandssymbol, sondern mit vielfältigen Folgen für Umwelt und Gesundheit verbunden.  


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Alleine in Deutschland werden jährlich 60 Kilogramm pro Kopf verzehrt. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) sei das deutlich zu viel. Die DGE empfiehlt aus gesundheitlichen Gründen maximal 300 bis 600 Gramm Fleisch pro Woche. Also die Hälfte von dem, was aktuell konsumiert wird. Dem gegenüber steht die Fleischindustrie. Laut des Statistischen Bundesamts haben deutsche Schlachtbetriebe im Jahr 2019 59,7 Millionen Schweine, Rinder, Schafe, Ziegen und Pferde geschlachtet und dabei einen Umsatz von 21,6 Milliarden Euro erzielt.

Aber mit welchen Folgen? Beim Thema Klimawandel und Umwelt denken viele an Verkehr, Industrie oder Kohlekraftwerke und nicht etwa an den zentralen Faktor Fleischkonsum. Dabei belastet Fleisch die Umwelt enorm.
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Laut der UN-Landwirtschaftsorganisation FAO entstehen rund 14,5 Prozent aller Treibhausgasemissionen aus der Viehhaltung und der Fleischproduktion. Dafür gibt es viele Gründe: Bei der Viehhaltung wird bei der Verdauung Methan produziert, dass eine 25-mal stärkere Klimawirkung als CO2 aufweist. Zudem ist besonders die Herstellung des Futtermittels mit einer erheblichen Umweltbelastung verbunden. Für den Anbau von Soja werden große Flächen benötigt und dabei oftmals Wälder im Regenwald Südamerikas abgeholzt. Derart große Flächen kann Europa nicht bieten. Ein weiterer Punkt ist die Produktion von Fleisch im fernen Ausland. Bis das Fleisch in Industrienationen wie Nordamerika oder Europa ankommt, muss es lange Distanzen per Flugzeug oder Schiff zurücklegen.
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Um diese Probleme zu lösen, empfiehlt die Umweltschutzorganisation WWF verschiedene Ansätze. Die beiden goldenen Regeln des WWF lauten: Weniger, dafür besseres Fleisch. Doch was bedeutet besseres Fleisch? Um die Alltagstauglichkeit der Verbraucherempfehlungen zu garantieren, wurden unterschiedliche Produktionsmethoden, Labels und Warenklassen gerastert und nach einem Ampelsystem geordnet. Daraus ergeben sich drei Kategorien.

Fleisch und Wurst mit Verbands-Biosiegeln wie etwa Bioland, demeter, Naturland, Biopark und Biokreis erfüllen neben den EU-Mindestanforderungen auch weitere Kriterien. Dazu gehört zum Beispiel der Einsatz von weniger Zusatzstoffen in der Lebensmittelverarbeitung. Doch bedeutet Bio auch gleichzeitig eine bessere CO2-Bilanz?
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Jonathan Eller, Geschäftsführer beim Rinderzuchtbetrieb Auenland Beef, sieht das Thema kritisch: „Auch wenn man Bio-Fleisch kauft, muss man darauf achten, wo es herkommt. Mit einer katastrophalen CO2-Bilanz bringt auch Bio-Fleisch aus Südamerika eine enorme Umweltbelastung mit sich.“ Dass man es anders machen kann, will der Rinderzuchtbetrieb aus Hofheim zeigen. Für besseres Fleisch wird hier ein regionaler Ansatz gewählt. Kurze Vertriebswege, Getreide aus regionaler Erzeugung und der Vertrieb in unmittelbarer Umgebung schaffen ein hohes Maß an Nachhaltigkeit und garantieren eine positivere CO2-Bilanz.

Das Fleisch stammt von Tieren der französischen Rinderrasse Blonde d’Aquitaine, die auf weitläufigen Weiden in Mutterkuhhaltung leben. Hierbei bleibt das Kalb, wie von der Natur vorgesehen, acht Monate bei der Mutterkuh, bis es ein Gewicht von circa 300 bis 400 kg erreicht hat. Unter tiergerechten Bedingungen wird hier hochwertiges Premiumfleisch produziert.

Quelle Bild: Auenland Beef GmbH, Hofheim
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Um nachhaltig zu agieren, ist laut Eller das Thema Regionalität unabdingbar. Die Schlachtung der Tiere findet in unmittelbarer Nähe zum Betrieb statt und das Premiumfleisch wird durch einen eigenen Hofladen direkt an Privatkunden und Restaurants aus der Region vermarktet. Die Kunden von Auenland Beef seien sensibel beim Thema Fleisch. Diese Sensibilität rät Eller allen Fleischkonsumenten: „Die Einstellung sollte dahingehen, dass man regionale Produkte ausprobiert, sich informiert und dann letztendlich auch die regionalen Produzenten unterstützt, wenn man Interesse daran hat, etwas für die Umwelt zu tun.“

Der gesellschaftliche Trend bewege sich trotz des hohen Pro-Kopf-Konsums zu weniger, jedoch bewussterem Fleischkonsum. Das zeigt auch eine Statistik der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung: Mit einem Pro-Kopf-Verzehr von 59,5 Kilogramm nimmt der Konsum von Fleisch tendenziell ab.

Quelle Bild: Auenland Beef GmbH, Hofheim
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Transparenz und Regionalität lassen sich jedoch bei kleineren Zuchtbetrieben und Höfen deutlich besser realisieren als bei Großbetrieben. Skalen- und Größeneffekte führen laut Jonathan Eller oftmals dazu, dass es schlussendlich auf Kosten des Tierwohls und somit auch der Nachhaltigkeit gehe. Das Großbetriebe es auch anders machen können, zeigt die Metzgerei Robert Müller aus dem osthessischen Flieden. Mit mittlerweile über 70 Filialen und 500 Mitarbeitern in Hessen, Thüringen, Niedersachsen, Bayern und Rheinland-Pfalz versucht der Metzgerei-Großbetrieb das Thema Nachhaltigkeit in den Fokus zu rücken.

Regionalität wird auch hier großgeschrieben. Kurze Vertriebswege und eine starke Bindung zur Heimat sind laut Geschäftsführer Peter Schmitt zentrale Punkte der Unternehmensphilosophie. „Viele unserer Kunden wollen wissen, wo das Fleisch herkommt. Regionalität und Transparenz sind daher unabdingbar für den zukünftigen Erfolg des Unternehmens“, sagt Schmitt.
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Was hält also Kunden davon ab, regional und nachhaltig Fleisch zu konsumieren? Der Preis. Spottpreise in Discountern führen dazu, dass Fleisch als Lockartikel genutzt wird, um Kunden in den Markt zu ziehen. Jonathan Eller unterstützt die These, dass Fleisch viel zu billig ist: „Fleisch soll etwas Besonderes sein und die Wertschätzung dafür bekommen. Dumping-Preise auf Kosten der Arbeitnehmer und der Tiere kann nicht der Weg der Zukunft sein.“ Um niedrige Preise für qualitativ schlechteres Fleisch zu verhindern, wird von vielen Landwirten ein stärkerer staatlicher Eingriff gefordert.

Neue Gesetze müssten die Produktionsbedingungen direkt angehen. Zum Beispiel mit einer zweckgebundenen Abgabe, die direkt in mehr Tierwohl und bessere Arbeitsbedingungen investiert wird. Mit dem erst kürzlich beschlossenen Gesetzentwurf zum Verbot von Werkverträgen ist nun ein erster Schritt getan. Doch über all dem steht der Kunde. Eine grundlegende Änderung der Verbraucher ist Voraussetzung für einen bewussten und nachhaltigen Fleischkonsum.
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Klimaschützer, Erholungsort, Lebensraum und Rohstoffquelle: Der Wald ist ein Wunderkind und wird durch den voranschreitenden Klimawandel gleichzeitig auch zum Sorgenkind. Nachhaltige Forstwirtschaft spielt für den Klimaschutz eine wichtige Rolle – auch im Würzburger Stadtwald.

Fast ein Drittel Deutschlands ist mit Wald bedeckt. In Bayern wachsen Wälder auf gut einem Viertel der Landesfläche. Der Freistaat zählt damit zu den am meisten bewaldeten Bundesländern. Die nachhaltige Forstwirtschaft erhält durch den rasanten Klimawandel eine immer höhere Bedeutung.
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Bei nachhaltiger Forstwirtschaft geht es um weit mehr als um das ausgewogene Gleichgewicht zwischen Fällen und Aufforsten. Vielmehr soll der Wald zukunftsfähig gestaltet werden. Kohlenstoffkreisläufe, Waldökosysteme, biologische Vielfalt, Wasser-, Luftschutz und die Produktion des nachwachsenden Rohstoffs Holz sind nur einige Aspekte. Einen Überblick über die verschiedenen Themenbereiche und die Vernetzung der Teilbranchen der Forst- und Holzwirtschaft schafft die Cluster-Initiative Forst und Holz der Bayerischen Staatsregierung.

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Jürgen Bauer ist dort Geschäftsführer und stellt klar, dass eine aktive Forstwirtschaft notwendig ist: „Würde man die Wälder in Deutschland nicht bewirtschaften, würden sich auf dem größten Teil der Fläche Buchenwälder einstellen.“ Ein Mischwald hingegen sei besser gegen die veränderten Klimabedingungen gewappnet. Auch der Forstbetrieb der Stadt Würzburg setzt auf Vielfalt. Die naturnahe, ökologische Waldwirtschaft erstreckt sich auf 1.000 Hektar Stadtwald. Karl-Georg Schönmüller, Leiter des Forstbetriebs, betont: „Seit Jahrzehnten werden hier keine Fungizide, Herbizide oder ähnliches verwendet. Gleichzeitig hat der Würzburger Stadtwald keine Massenvermehrung an Borkenkäfern.“
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Eva Maria Veit ist Geschäftsführerin des Imagebündnisses der bayerischen Forst- und Holzwirtschaft proHolz Bayern. Sie betont den Kreislaufgedanken in der Forstwirtschaft: „Der Grundstein des Klimaschutzes liegt im Wald und in der aktiven Forstwirtschaft. Die Nachhaltigkeit findet vor allem in der Bewirtschaftung und der Pflege des Waldes sowie in der Holzverwendung ihren Ausdruck.“

Das Prinzip des Waldes bringt vielseitige Stärken mit sich: Durch Photosynthese nehmen Bäume Kohlenstoff auf und geben Sauerstoff ab. Wird der Baum gefällt, bleibt der Kohlenstoff im Holz, bis er schließlich verbrannt wird. Der Kohlenstoff wird dann beim Verbrennen freigesetzt – das Holz gilt in der Gesamtbilanz immer noch als CO₂-neutral. Gleichzeitig entsteht keine sogenannte graue Energie, also Energie die beim Herstellen, Transportieren, Lagern, Verkaufen und Entsorgen von Produkten entsteht. Holz wächst im Wald und muss nicht aufwendig verarbeitet werden. Lediglich das Sägen, Hobeln und Kleben kostet Energie.
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So werden aus dem Würzburger Wald beispielsweise Rotbuche und Eiche zu Möbeln und die beliebte Lärche zu Holzhäusern. Etwa 90 Prozent des Holzes gehen ins Allgäu oder nach Oberbayern. Zudem werden etwa 200 Haushalte in Würzburg und Umgebung mit Brennholz versorgt. „Durchforstungsmaßnahmen haben außerdem das Ziel, die Vielfalt, Stabilität und Qualität des Waldbestandes zu verbessern“, sagt Schönmüller. Der Vorteil einer holzbasierten Bioökonomie besteht in seiner Vielfältigkeit.

Der Rohstoff Holz findet immer mehr Anwendungsmöglichkeiten: In den etablierten Sparten Holzbau, Papier und Zellstoff, aber auch als Textilfaser oder Basis-Chemikalie. Um beispielsweise Textilien aus dem Fasermaterial Viskose, Kosmetik, Aromen oder Pharmazeutika zu produzieren, werden in Bioraffinerien Zwischen- und Endprodukte verwertet. Die große Stärke von Holz liegt außerdem in der hohen Verfügbarkeit in den Regionen mit entsprechend kurzen Lieferwegen.
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Der größte Gegner des Waldes ist heute der rasante Klimawandel. Wälder müssen umgebaut und an die neuen Klimabedingungen angepasst werden. Gleichzeitig ist eine sehr langfristige Planung notwendig. So lässt sich der Wald für die nächsten Generationen erhalten. Mit den veränderten Klimabedingungen kommen auch neue Risiken hinzu – beispielsweise der Borkenkäfer, der dem Waldbestand stark zusetzt. In Würzburg ist momentan die Trockenheit die größte Herausforderung, deshalb herrsche gerade ein massives Absterben von Fichten. Laut Schönmüller gilt es, trockentolerante Baumarten zu fördern, idealerweise über natürliche Verjüngung.
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In Bayern gibt es 64 Prozent Nadelbäume, allen voran die Fichte. Laut der Waldstrategie 2050 vom Beirat für Waldpolitik des Bundesministeriums sind Mischwälder für die Zukunft allerdings risikoärmer. Umso höher die Artenvielfalt, umso größer die Wahrscheinlichkeit, dass zumindest einige Baumarten den Veränderungen standhalten. Das Konjunktur- und Zukunftspaket mit 700 Millionen Euro für die nachhaltige Bewirtschaftung des Waldes, das Anfang Juni 2020 verabschiedet wurde, kommt demnach genau zur richtigen Zeit. Waldbesitzende erhalten Unterstützung, die Nutzung von Holz als Baustoff soll gefördert werden.
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„Wälder sind so vielgestaltig – ich bin aber der festen Überzeugung: Wenn unsere Wälder Probleme haben, dann hat der Mensch erst recht eins“, so Stadtförster Schönmüller. Die große Herausforderung sei es, den Wald passend umzubauen und auch hierzulande fremde Baumarten zu integrieren. Er wünscht sich für die Zukunft ausreichend Regen, vermutlich werde es aber trockener und heißer. Deshalb legt er viel Wert auf Resilienz und Suffizienz – also einen widerstandsfähigen, stabilen Wald.

Gleichzeitig gilt es, Energie und Material zu sparen. „Wir müssen unsere fränkisch einheimischen Baumarten wie Eiche, Elsbeere, Feldahorn fördern und ein paar exotische Baumwarten wie Zedern, Flaumeichen, Baumhaseln in homöopathischen Mengen im Waldbestand integrieren." Erste Wälder zeigen diesen Wandel bereits. So gibt es in Würzburg deutschlandweit das größte Vorkommen von Baumhaseln, ursprünglich ein Waldbaum aus Südosteuropa und der Türkei.
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„Der Wald ist Opfer des Klimawandels und gleichzeitig Teil der Lösung“, sagt Jürgen Bauer von der Cluster-Initiative. Der Forst- und Holzsektor ist eine wichtige Treibhausgassenke. Um die Treibhausgasemissionen um 80 bis 95 Prozent bis 2050 zu reduzieren, wozu sich Deutschland international verpflichtet hat, ist ein tiefgreifender Wandel notwendig. Bioökonomische Ansätze bieten vielfältige Lösungsmöglichkeiten. Der Grundgedanke der Bioökonomie im Allgemeinen hat zum Ziel, fossile Energieträger wie Erdöl zu vermeiden und beispielsweise durch nachwachsende Rohstoffe zu ersetzen – hin zu einer biobasierten, ökologischen Wirtschaft.

Der Klimaschutzeffekt in der Forstwirtschaft entsteht zum einen durch mehr Waldfläche und Holzprodukte. Zum anderen werden Emissionen vermieden, wenn der biogene Rohstoff Holz verwendet wird. Holz lässt sich mit geringem Energieeinsatz verarbeiten, deshalb bleibt der ökologische Fußabdruck der meisten Holzprodukte vergleichsweise klein. Laut der „Clusterstudie Forst und Holz 2015“ werden etwa 25 Prozent der CO₂-Emissionen Bayerns durch die Verwendung von Holz ausgeglichen. Bauer ist sich jedenfalls sicher: „Nachhaltige Forstwirtschaft ist aktiver Klimaschutz!“
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BEHIND THE SCENES

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Wir stellen uns vor

Julius-Maximilians-Universität Würzburg / Wirtschaftsjournalismus

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An der Julius-Maximilians-Universität befassen sich Studierende des Fachbereichs Wirtschaftsjournalismus mit verschiedenen Facetten der Bioökonomie. Im Seminar „Crossmediale Wirtschaftskommunikation“ recherchieren sie zu Themen wie „Alternative Kulturpflanzen“,„Emissionsarme Landwirtschaft“ oder „Upcycling von Naturfasern“ und sprechen in Video-Interviews mit Expert*innen aus Wirtschaft und Wissenschaft. So erarbeiten die Bachelor- und Masterstudierenden multimediale Beiträge, die für die interessierte Öffentlichkeit eine zugängliche Informationsgrundlage zur Bioökonomie bieten. 

Prof. Dr. Kim Otto, Professor für Wirtschaftsjournalismus und Wirtschafts-kommunikation, leitet die Seminare. Die Studierenden profitieren von seiner langjährigen Erfahrung als Redakteur im wirtschaftspolitischen Fernseh-journalismus (ARD, WDR, Grimme-Preis-Träger) und können sich auf wertvolle Praxis-Tipps verlassen.
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Hochschule für Angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt / Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation

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Die angehenden Journalist*innen und PR-Expert*innen des Master-Studiengangs „Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation“ an der FHWS widmen sich dem Wissenschaftsjahr 2020/21 in gleich zwei Seminaren.
Im Seminar „Fachjournalistische Formate“ erstellen sie Fachartikel zu kompostierbaren Biokunststoffen, nachhaltiger Forstwirtschaft und vielen weiteren Themen. Auch die Region Mainfranken steht dabei gezielt im Fokus: Interviews mit Forscher*innen, Gründer*innen und Expert*innen aus Würzburg und Umgebung werden im Seminar „Corporate Media“ zu Podcasts verarbeitet und geben spannende Einblicke in diverse Bereiche der Bioökonomie.

Mit Prof. Dr. Lutz Frühbrodt, dem Leiter des Studiengangs, steht den Studierenden ein erfahrener Medienexperte und Technologiereporter zur Seite, der acht Jahre im Wirtschaftsressort der Welt-Gruppe tätig war. Seinen Studierenden weiß er damit sowohl den sicheren Umgang mit komplexen Themen als auch deren journalistische Aufbereitung zu vermitteln.
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Hochschule Macromedia / Journalistik

Beim Interviewtraining im Studio / Foto: privat
Beim Interviewtraining im Studio / Foto: privat
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Die Studierenden des Studiengangs „Journalistik“ der Hochschule Macromedia in Köln erweitern den Blick der mainfränkischen Berichterstattung auf die Region Rhein-Main. In journalistischen Beiträgen richten sie den Blick unter anderem auf innovative Pilztechnologien, ökologische Wohngemeinschaften und die nachhaltige Zukunft der Modeindustrie. Dabei lassen Sie sowohl Expert*innen wissenschaftlicher Einrichtungen als auch Gründer*innen bioökonomischer Start-ups zu Wort kommen.

Angeleitet werden die Studierenden von Prof. Dr. Marlis Prinzing. Die Professorin für Journalistik blickt auf mehr als 20 Jahre Erfahrung als Journalistin, Moderatorin und Kommunikationswissenschaftlerin zurück. An der Hochschule Macromedia gibt sie ihr sicheres Gespür für zukunftsweisende Themen und spannende Geschichten an die Studierenden weiter und hilft ihnen, ihr journalistisches Potenzial zu entfalten.
Beim Interviewtraining im Studio / Foto: privat
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Studierende berichten

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Ronja-Valentina Voit

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Amelie Mangler

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David Le

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Anne Köppen

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Romel Aleksanian

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Birte Kock

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Maximilian Roos

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Selina Pellner

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